Ein durchkomponiertes Gesamtkunstwerk ist die Ausstellung des international bekannten Konzeptkünstlers, Komponisten und Schattenforschers Tim Otto Roth, der in der Kunsthalle Jesuitenkirche in Aschaffenburg mit Licht und Schatten ebenso spielt wie mit Klängen und sich selbst entwerfenden Mustern.

Seit rund 20 Jahren setzt sich Tim Otto Roth praktisch und theoretisch mit Schattenaufnahmen auseinander; so hat er für die Ausstellung eigens Arbeiten geschaffen, die sich dem Thema Schatten annähern. Die Ausstellung wartet mit vielen Bezügen zum Werk Christian Schads (1894 bis 1982) auf.

Im Eingang empfängt eine kleine, trans­parente Folienfigur aus dem Fundus von Christian Schad die Besucher, die einen blauroten Doppelschatten an die Wand wirft. In den späten Schadografien, in ­denen Schad sich mit dem Prosagedicht Gaspard de la nuit des französischen ­Autors Aloysius Bertrand auseinandersetzt, taucht diese fragile Figur als negativer Schatten immer wieder auf. Eine korrespondierende Reanimation erfährt sie in Roths Deckenprojektion: Gemeinsam mit der Tänzerin Zuzana Zahradníková hat der Künstler eine Choreografie entwickelt, nach der sich Schattenfiguren zu Maurice Ravels Gaspard de la nuit in den drei Gewölben der ehemaligen Barockkirche drehen. In einem neuen künstlerischen Ansatz lösen sich Schatten – um mit Schad zu sprechen – „von den Zwängen der Gewohnheitslogik“.
Die Klänge des Klavierwerks wechseln sich mit einem psychedelischen mikro­tonalen Klangteppich ab, der in der Apsis von 18 Pfeifen einer gläsernen Wasser­orgel gewebt wird. Sie führen in die Werkgruppe ein, die mathematisches Kalkül auf sinnliche Art und Weise erfahrbar macht. So wurde das MaSo-Knüpfwerk von indischen Knüpfern nur mit der Vorgabe hergestellt, wie sich aus den Farben der beiden Nachbarknoten die Farbe des Knotens in der nächsten Reihe ableiten lässt. Eine uralte Kulturtechnik wird mit einer neuen Philosophie des Teppichknüpfens konfrontiert: Das Muster wird nicht vorgegeben, sondern generiert sich im Prozess des Knüpfens selbst. Das MaSo-Knüpfwerk steht exemplarisch für eine Kunst, die für die Komplexität unserer Gegenwart einfache Sinnbilder findet und die Besucher einlädt, sich mit allen Sinnen auf Neues einzulassen.
7. März bis 14. Juni 2020

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