Die Bundeskunsthalle Bonn präsentiert 75 Künstlerinnen aus Lateinamerika und eröffnet neue Perspektiven auf mehr als ein Jahrhundert Kunst-, Gesellschafts- und Zeitgeschichte. Sie haben Grenzen verschoben, Konventionen gebrochen und mit ihren Werken gesellschaftliche Veränderungen angestoßen. Dennoch sind viele lateinamerikanische Künstlerinnen in der internationalen Kunstgeschichte bis heute weniger präsent, als es ihre Bedeutung verdient. Mit der Ausstellung „Vanguardistas. 100 Jahre Lateinamerikanische Künstlerinnen“ rückt die Bundeskunsthalle Bonn 75 herausragende Positionen ins Zentrum und lädt dazu ein, die Kunst der vergangenen hundert Jahre aus einer neuen Perspektive zu entdecken.
Hochkarätige internationale Leihgaben aus bedeutenden Museen und Privatsammlungen vereinen bekannte Namen mit Künstlerinnen, deren Werke in Europa bislang nur selten zu sehen waren. Die Ausstellung spannt einen weiten Bogen von Argentinien bis Mexiko und macht die Vielfalt künstlerischer Ausdrucksformen sichtbar – von Malerei, Skulptur und Textilkunst über Fotografie bis hin zu Medienkunst und experimentellen Praktiken.
Zu den vertretenen Künstlerinnen zählen Ikonen wie Frida Kahlo und Leonora Carrington ebenso wie Tarsila do Amaral, Lygia Clark, Ana Mendieta, Marta Minujín und Cecilia Vicuña. Ihre Werke erzählen von individuellen Erfahrungen, kultureller Identität und dem Wunsch, überlieferte Vorstellungen von Kunst und Gesellschaft zu hinterfragen. Dabei entstehen überraschende Dialoge zwischen unterschiedlichen Generationen, Regionen und künstlerischen Traditionen.
Der Ausstellungsparcours führt von den Anfängen der Moderne über abstrakte und kinetische Kunst bis zu den gesellschaftlichen Umbrüchen der 1960er-Jahre. Immer wieder wird deutlich, wie eng künstlerische Innovation und politische Wirklichkeit miteinander verbunden sind. Diktaturen, Widerstand und gesellschaftliche Konflikte der 1970er- und 1980er-Jahre hinterließen ebenso Spuren in den Werken wie die Suche nach neuen Formen persönlicher und kollektiver Freiheit.
Viele der präsentierten Arbeiten gehen über rein ästhetische Fragestellungen hinaus. Sie setzen sich mit Machtverhältnissen, Ausgrenzung und den bis heute wirksamen Folgen des Kolonialismus auseinander. Andere verbinden feministische Perspektiven mit ökologischen Fragen und eröffnen neue Sichtweisen auf das Verhältnis zwischen Mensch, Natur und Gesellschaft.

Elda Cerrato, La Hora de los Pueblos / Die Stunde der Völker, 1975, Foto: Courtesy Institute for Studies on Latin American Art (ISLAA), New York © Elda Cerrato/Luciano Zubillaga, Courtesy Galerie Lelong, New York
Die Künstlerinnen entwickeln dabei eigenständige Bildsprachen, die persönliche Erfahrungen mit universellen Themen verbinden. Ihre Werke dokumentieren nicht nur historische Veränderungen, sondern greifen aktiv in gesellschaftliche Debatten ein. Kunst wird zum Medium der Erinnerung, des Widerstands und der Vorstellung einer anderen Zukunft.
Auch die Verbindungen zwischen lateinamerikanischen und europäischen Kunstszenen treten in zahlreichen Biografien hervor. Sie zeigen, dass Kunstgeschichte niemals isoliert entsteht, sondern von Begegnungen, Austausch und kulturellen Verflechtungen geprägt ist. Gleichzeitig macht die Ausstellung deutlich, wie wichtig es ist, bislang vernachlässigte Perspektiven stärker in den internationalen Kunstdiskurs einzubeziehen.
„Vanguardistas“ ist damit weit mehr als eine Überblicksschau. Die Ausstellung würdigt Künstlerinnen, die ihre Zeit geprägt und neue Wege eröffnet haben, und lädt dazu ein, vertraute Erzählungen der Moderne kritisch zu hinterfragen. Ihre Arbeiten zeigen eindrucksvoll, dass künstlerische Avantgarde nicht nur neue Formen hervorbringt, sondern auch gesellschaftliche Veränderungen sichtbar machen und vorantreiben kann.
Die Ausstellung entsteht in Zusammenarbeit mit dem Kunstmuseum Basel, dem EMMA – Espoo Museum of Modern Art und dem BOZAR – Centre for Fine Arts in Brüssel.
4. Dezember 2026 bis 29. März 2027
www.bundeskunsthalle.de

Djanira Da Motta e Silva, Três orixás / Drei Orixás, 1966, Foto: Fotografia Isabella Matheus © Instituto pintora Djanira



