Was passiert, wenn aus einem Quadrat eine Landschaft wird, aus einer Fadengardine eine Skulptur oder aus Verpackungsmaterial eine fantastische Architektur? Und was geschieht, wenn strenge geometrische Ordnung plötzlich Risse bekommt, sich verschiebt, faltet oder in kräftigen Farben zu pulsieren beginnt? Genau hier setzt die Ausstellung „Zwischen Ordnung und Leben. Konstruktive Kunst heute“ im Museum Ritter in Waldenbuch an.

Vom 25. Oktober 2026 bis zum 18. April 2027 zeigt sie mit acht künstlerischen Positionen, wie vielfältig, überraschend und lebensnah konstruktive Kunst heute sein kann. Konstruktive Kunst wird häufig mit klaren Formen, geometrischen Strukturen und einem präzisen, planvollen Vorgehen verbunden. Doch die Ausstellung zeigt: Ordnung muss keineswegs starr sein. Im Gegenteil. Sie kann ein Ausgangspunkt sein, von dem aus sich neue Ideen, Geschichten und Erfahrungsräume entwickeln. Geometrische Formen werden zu Bausteinen für ganz unterschiedliche künstlerische Welten – zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit, zwischen Alltag und Utopie, zwischen System und Zufall.
Dabei begegnen den Besucherinnen und Besuchern nicht nur Malereien und Zeichnungen. Zahlreiche Plastiken, Assemblagen und Objekte sowie eigens für die Ausstellung entwickelte Installationen machen die Schau zu einem abwechslungsreichen Erlebnis. Die verwendeten Materialien sind dabei oft erstaunlich alltäglich: Möbel, Zuckerwürfel, Fadengardinen oder Verpackungen verwandeln sich in den Händen der Künstlerinnen und Künstler in etwas vollkommen Neues. Aus scheinbar banalen Gebrauchsgegenständen entstehen fantastische Szenarien, utopische Architekturen oder fragile Konstruktionen. Auch Fundstücke aus der Natur finden ihren Weg in diese ungewöhnlichen Bild- und Objektwelten.

Nándor Angstenberger, Aurora, 2023 (Detail) © VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Foto: Nándor Angstenberger

Nándor Angstenberger, Aurora, 2023 (Detail) © VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Foto: Nándor Angstenberger

So wird deutlich, dass konstruktive Kunst nicht im luftleeren Raum entsteht. Viele der ausgestellten Arbeiten beschäftigen sich mit der Lebenswirklichkeit: mit Alltagsphänomenen, gesellschaftlichen Strukturen und individuellen Erfahrungen. Manche Werke tragen dabei eine ganz persönliche, biografische Handschrift. Kräftige Farben und geometrische Formen treffen auf Erinnerungen an vertraute Landschaften oder auf indigene Symbolsysteme. In diesen Arbeiten wird Abstraktion zum Träger von Geschichte und Identität – und die vermeintlich universelle Sprache der Geometrie erhält eine ganz persönliche Stimme.
Andere Künstlerinnen und Künstler gehen einen Schritt weiter und bringen die scheinbare Perfektion der Ordnung bewusst aus dem Gleichgewicht. Malerischer Farbauftrag, handgezogene Linien, Verschiebungen und Lücken durchbrechen geometrische Raster. Knicke und Falten bringen Bewegung ins Bild, kleine Unregelmäßigkeiten verleihen den Kompositionen eine fast körperliche Präsenz. Was zunächst nach einem streng kalkulierten System aussieht, beginnt zu leben.
Gerade dieses Spannungsverhältnis macht den Reiz der Ausstellung aus: Ordnung und Freiheit, Planung und Zufall, Geometrie und Natur, Abstraktion und Wirklichkeit stehen sich nicht als Gegensätze gegenüber. Sie gehen eine Verbindung ein und eröffnen neue Möglichkeiten des Sehens.
Mit Werken von Nándor Angstenberger, Doris Erbacher, Clare Goodwin, Erika Hock, Peter K. Koch, Mona Radziabari, Nicola Staeglich und Amalia Valdés zeichnet die Ausstellung ein facettenreiches Bild der konstruktiven Kunst der Gegenwart. Sie lädt dazu ein, vertraute Dinge mit neuen Augen zu betrachten und sich auf die Frage einzulassen: Wie viel Ordnung braucht das Leben – und wie viel Leben verträgt die Ordnung?
Das Museum Ritter bietet dafür den passenden Rahmen. Gegründet von Marli Hoppe-Ritter und 2005 eröffnet, widmet es sich der geometrisch-abstrakten Kunst und macht die Sammlung rund um das Thema Quadrat öffentlich zugänglich. Mit seinen wechselnden Ausstellungen versteht sich das Museum als lebendiger Ort der Begegnung mit Kunst.
„Zwischen Ordnung und Leben“ führt diesen Gedanken konsequent weiter. Die Ausstellung zeigt, dass geometrische Kunst keineswegs kühl und unnahbar sein muss. Sie kann Geschichten erzählen, Erinnerungen bewahren, gesellschaftliche Fragen aufwerfen – und manchmal sogar aus einem Zuckerwürfel eine ganze Welt entstehen lassen.
25. Oktober 2026 bis 18. April 2027
www.museum-ritter.de

Peter K. Koch, Ohne Titel (Antikontur 100), 2018 © VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Foto: Peter K. Koch

Peter K. Koch, Ohne Titel (Antikontur 100), 2018 © VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Foto: Peter K. Koch