200 Jahre nach seinem Tod ist Ludwig van Beethoven in Leipzig keineswegs eine Figur der Vergangenheit. Vom 9. bis 23. Mai 2027 widmet das Gewandhaus dem Komponisten ein Festival, das Tradition und Gegenwart miteinander verschränkt: mit sämtlichen Sinfonien, internationalen Stars wie Lang Lang, Igor Levit und Leonidas Kavakos, einer neuen Fassung von „Egmont“ und Uraufführungen von Jörg Widmann und Michael Lentz. Es wird ein Fest für Beethoven – und für die Frage, was seine Musik uns heute noch zu sagen hat.
Wenn die ersten Takte erklingen, ist Beethoven plötzlich wieder da. Nicht als marmorne Statue, nicht als überlebensgroßes Genie aus dem Musiklexikon, sondern als Komponist, der sich einmischt. Der aufbegehrt. Der Grenzen sprengt. Einer, dessen Musik schon zu Lebzeiten unbequem, radikal und erstaunlich modern wirken konnte. Genau diesen Beethoven will Leipzig im Mai 2027 wieder hörbar machen.
Das Gewandhaus Leipzig lädt zum Beethoven Festival – und setzt dabei auf ein Programm, das den historischen Rang des Hauses ebenso ernst nimmt wie den Blick nach vorn. Sämtliche Sinfonien stehen auf dem Programm, gespielt vom Gewandhausorchester unter Gewandhauskapellmeister Andris Nelsons. Dazu kommen zentrale Instrumentalkonzerte, Kammermusik, Rezitale und Begegnungen mit Künstlerinnen und Künstlern, die selbst zu den prägenden Stimmen ihrer Generation gehören: Lang Lang, Igor Levit, Leonidas Kavakos, Julia Fischer, Pablo Ferrández, Anna Prohaska oder der Jazzpianist Michael Wollny.

Andris Nelsons © Konrad Stöhr, 2025
Dass Beethoven gerade in Leipzig auf diese Weise gefeiert wird, ist kein Zufall. Das Gewandhausorchester verbindet mit seinem Werk eine besondere Geschichte: Es war das erste Orchester weltweit, das zu Beethovens Lebzeiten sämtliche Sinfonien in einem Zyklus aufführte. Fast zwei Jahrhunderte später wird diese Tradition nun nicht einfach wiederholt – sie wird befragt, erweitert und neu interpretiert.
Schon der Auftakt setzt dafür ein deutliches Zeichen. Beethovens Schauspielmusik zu Goethes „Egmont“ begegnet einer neuen Textfassung des Schriftstellers Michael Lentz. Im Zentrum steht ein Stoff, der kaum zeitloser sein könnte: Unterdrückung, Freiheitskampf und der Widerstand des Individuums gegen autoritäre Macht. Den Text spricht der österreichische Schauspieler Tobias Moretti. Aus dem historischen Bühnenwerk wird damit ein Dialog zwischen Beethoven und der Gegenwart.

Sjaella © Antje Kröger
Auch musikalisch geht das Festival auf Spurensuche. Jörg Widmann nimmt Beethovens Fragment einer „Ouvertüre über B-A-CH“ zum Ausgangspunkt für ein neues Orchesterwerk, das vom Gewandhausorchester in Auftrag gegeben wurde. Beethoven und Bach treffen auf einen Komponisten unserer Zeit. Was einst Verehrung und musikalische Erinnerung war, wird zum Ausgangspunkt eines neuen Dialogs über Tradition.
Überhaupt ist das Spannungsfeld zwischen Bewahren und Weiterdenken das eigentliche Thema dieses Festivals. Neben den Sinfonien erklingen Werke, die mit der Geschichte des Gewandhausorchesters unmittelbar verbunden sind – darunter das Tripelkonzert und das 5. Klavierkonzert. Gleichzeitig öffnen sich die Türen für Jazz, Elektronik, Crossover und neue Konzertformate. Das Stegreif Orchester bringt eine andere Perspektive auf Beethoven ein; das Gewandhaus-Quartett wiederum stellt sich einer besonderen Herausforderung und führt sämtliche Streichquartette auf.

Pablo Ferrández © Kristian Schuller
Gerade darin liegt vielleicht die eigentliche Aktualität dieses Jubiläums. Beethoven ist längst mehr als ein Bestandteil des klassischen Kanons. Seine Musik handelt von Konflikt und Freiheit, von Ordnung und Aufbruch, von persönlicher Krise und gesellschaftlicher Hoffnung. Sie ist voller Brüche – und vielleicht gerade deshalb erstaunlich anschlussfähig an eine Gegenwart, die selbst nach neuen Formen und Antworten sucht.
So begegnen sich im Mai 2027 im Gewandhaus mehrere Generationen: ein Komponist, der vor 200 Jahren starb; Musikerinnen und Musiker, die seine Werke heute neu lesen; und ein Publikum, das entscheiden kann, was davon in der eigenen Zeit weiterklingt.
9. bis 23. Mai 2027
www.beethoven-festival.de

Tobias Moretti © Christian Hartmann

