Mickey Mouse kennt jeder. Donald Duck auch. Batman sowieso. Und doch wirken sie bei Joyce Pensato plötzlich fremd. Ihre Figuren haben ihre Unschuld verloren, sind übermalt, abgeschliffen, verschmiert und auf ihre dunklen Konturen reduziert. Aus vertrauten Helden der amerikanischen Popkultur werden geheimnisvolle, manchmal bedrohliche Gestalten.

Joyce Pensato, 1941 in Brooklyn geboren, hat sich ihr Leben lang mit diesen Bildern beschäftigt. Die New Yorker Künstlerin nahm Comic- und Cartoonfiguren nicht einfach als Motive, sondern unterzog sie einer radikalen Verwandlung. Mickey Mouse, Felix the Cat, die Simpsons oder South Park erscheinen in ihren Arbeiten wie Erinnerungen, die unter mehreren Schichten Farbe verborgen liegen. Gerade weil wir sie kennen, entfalten sie eine besondere Wirkung: Das Vertraute kippt ins Unheimliche.
Pensatos Malerei ist körperlich und unmittelbar. Besonders ihre schwarzweissen Emaille-Bilder besitzen eine rohe, gestische Kraft. Sie übermalt, kratzt, schleift und zerstört Bildschichten, bis von der ursprünglichen Figur nur noch etwas übrig bleibt – ein Umriss, zwei Augen, eine Haltung. Aus Pop wird Abstraktion, aus einem Comicbild eine Art expressive Ikone.

Joyce Pensato: Bang, Bang Donald, 2015, Emaille und Metallic-Lack auf Leinwand | enamel and metallic paint on canvas, Private Collection © Joyce Pensato Foundation, Photo: Jason Mandella © Joyce Pensato Foundation

Joyce Pensato: Bang, Bang Donald, 2015, Emaille und Metallic-Lack auf Leinwand | enamel and metallic paint on canvas, Private Collection © Joyce Pensato Foundation, Photo: Jason Mandella © Joyce Pensato Foundation

Der entscheidende Schritt in diese Richtung erfolgte in den 1990er Jahren, als Pensato begann, Zeichnung und Malerei mit Emaille zusammenzuführen. Das neue Material eröffnete ihr andere Möglichkeiten: Die Farbe konnte fliessen, glänzen, sich verdichten oder wieder entfernt werden. Ihre Bilder wurden dunkler und zugleich freier. Was zunächst nach Pop-Art aussieht, hat deshalb wenig mit deren farbenfroher Oberfläche gemeinsam. Pensato interessiert vielmehr, was unter den Bildern der Populärkultur liegt – und warum wir uns von ihnen so stark prägen lassen.
Die Deichtorhallen Hamburg widmen der 2019 verstorbenen Künstlerin mit „Eyes For You“ nun die erste grosse institutionelle Einzelausstellung in Europa seit ihrem Tod. Rund 20 Werke aus der ursprünglich vom Institute of Contemporary Art Miami konzipierten Schau werden in Hamburg durch weitere Arbeiten aus europäischen Sammlungen ergänzt. Dazu kommt eine Präsentation aus der Sammlung Falckenberg, deren Interesse an Gegenkultur und subversiven Bildwelten unmittelbar an Pensatos Werk anschliesst.
So begegnet man einer Künstlerin, die ausgerechnet in den bekanntesten Bildern Amerikas etwas Unbekanntes suchte. Ihre Kunst erinnert daran, dass hinter den scheinbar harmlosen Bildern unserer Kindheit immer auch etwas anderes verborgen sein kann. Man muss nur lange genug hinsehen.
10. Oktober 2026 bis 4. April 2027
www.deichtorhallen.de

Portrait of Joyce Pensato © Jason Mandella

Portrait of Joyce Pensato © Jason Mandella