Das Marta Herford ist ein international renommiertes Museum für zeitgenössische Kunst, Architektur und Design, das mit seiner außergewöhnlichen Architektur und innovativen Ausstellungen neue Perspektiven auf die Kunst der Gegenwart eröffnet. Als Ort des kreativen Dialogs verbindet es visionäre Kunstpositionen mit gesellschaftlichen Fragestellungen und lädt dazu ein, gewohnte Sichtweisen zu hinterfragen.
Was geschieht, wenn Malerei ihre Grenzen verlässt? Wenn Farben nicht länger auf einer Leinwand bleiben, sondern sich über den Boden ausbreiten, den Raum erobern und mit Architektur, Skulptur und Bewegung verschmelzen? Im Marta Herford wird diese Frage zum sinnlichen Erlebnis. Mit einer eigens für das Museum entwickelten Ausstellung verwandelt die international renommierte Künstlerin Kerstin Brätsch die Lippold-Galerie in einen Ort, an dem Malerei nicht nur betrachtet, sondern mit allen Sinnen erfahren werden kann. Die Hamburger Künstlerin, 1979 geboren und heute zwischen Berlin und New York tätig, zählt zu den eigenständigsten Positionen der internationalen Gegenwartskunst. Ihre Arbeiten entziehen sich bewusst vertrauten Kategorien. Sie sind Malerei und Skulptur, Oberfläche und Körper, Bild und Raum zugleich. Was zunächst abstrakt erscheint, entfaltet bei näherer Betrachtung eine beinahe organische Lebendigkeit – als würden Farben, Formen und Materialien miteinander kommunizieren, sich verändern und immer neue Verbindungen eingehen.

Kerstin Brätsch, Untitled, aus der MƎTA Serie, 2023–2024, Öl und Collage auf Papier, © Kerstin Brätsch, Courtesy die Künstlerin, Galerie Gladstone und Gió Marconi Mailand
Ein Raum wird zum lebendigen Organismus
Im Zentrum der Ausstellung steht eine ungewöhnliche Idee: Nicht allein die Bilder sollen den Raum prägen, sondern der gesamte Raum wird Teil des künstlerischen Werks. Auf rund 350 Quadratmetern gestaltet Brätsch den Boden der ersten Etage mit einem eigens für das Marta entworfenen Vinylbelag. Inspiriert von einem früheren Mosaikprojekt, wird diese Fläche zum Fundament einer raumgreifenden Komposition.
Auf diesem farbigen Untergrund begegnen die Besucherinnen und Besucher großformatigen, eigens für die Ausstellung geschaffenen Malereien, skulpturalen Elementen aus bedruckten Kartonagen und einer Videoarbeit. Die einzelnen Bestandteile stehen nicht isoliert nebeneinander. Sie treten miteinander in Beziehung, verändern ihre Wirkung gegenseitig und machen die Architektur selbst zum Bestandteil des Kunstwerks.
So entsteht eine Umgebung, die sich eher wie ein lebendiger Organismus als wie eine klassische Ausstellung anfühlt. Der Blick wandert zwischen den Bildern und Objekten, entdeckt neue Zusammenhänge und wird immer wieder auf die eigene Position im Raum zurückgeworfen. Die Malerei verlässt ihre angestammte Rolle als Bild an der Wand. Sie wird zur Erfahrung, die den Körper ebenso anspricht wie die Wahrnehmung.
Zwischen Spiegelung, Verwandlung und Wahrnehmung
Kerstin Brätschs künstlerische Sprache lebt von Verwandlungen. Ihre abstrakten Formen erinnern mitunter an biologische Strukturen, spiegelbildliche Muster oder rätselhafte Gebilde, die sich einer eindeutigen Interpretation entziehen. Assoziationen an Rorschach-Tests, bei denen zufällige Formen individuelle Bilder und Deutungen hervorrufen, treffen auf das Prinzip der Mimikry – die Fähigkeit, durch Ähnlichkeit und Anpassung die eigene Erscheinung zu verändern.
Diese Bezüge eröffnen einen spannenden Raum zwischen Sehen und Interpretieren. Was erkennen wir in einer Form? Wann wird aus einem abstrakten Muster etwas Vertrautes? Und wie sehr hängt unsere Wahrnehmung davon ab, was wir bereits kennen oder zu erkennen glauben?
Brätsch gibt darauf keine abschließenden Antworten. Ihre Arbeiten laden vielmehr dazu ein, sich auf Uneindeutigkeit einzulassen. Farbe wird zum Ereignis, Oberfläche zur Projektionsfläche und das Bild zu einem offenen Prozess. Die Betrachtenden werden Teil dieses Geschehens, indem sie Verbindungen herstellen, Bedeutungen suchen und ihre eigenen Wahrnehmungsmuster hinterfragen.

Kerstin Brätsch, Foto: Sebastian Hilgetag / VG Bild-Kunst, Bonn, 2006
Malerei jenseits des klassischen Bildes
Seit Jahren erweitert Brätsch die Möglichkeiten der Malerei, indem sie traditionelle Techniken mit ungewöhnlichen Materialien und Präsentationsformen verbindet. Zeichnung, Installation, Skulptur, Glasmalerei, Stuckmarmor und Marmorpapiertechniken fließen in ihre künstlerische Praxis ein. Dabei geht es nicht allein um die Erweiterung des Materialspektrums, sondern um eine grundlegende Frage: Was kann Malerei sein, wenn sie sich nicht mehr auf das klassische Tafelbild beschränkt?
Ihre Werkserie MƎTA (2023–2024), zu der unter anderem Arbeiten in Öl und Collage auf Papier gehören, steht exemplarisch für diese Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten abstrakter Malerei. Unterschiedliche Verfahren und visuelle Ebenen treten miteinander in Dialog. Das Bild erscheint nicht als abgeschlossenes Objekt, sondern als eine Form, die sich fortwährend verändert und neue Bezüge entstehen lässt.
Auch in Herford wird dieser Gedanke konsequent weitergeführt. Die Ausstellung versteht Malerei nicht als etwas, das ausschließlich vor einer Wand stattfindet. Sie entfaltet sich in der Architektur, verbindet unterschiedliche Medien und schafft eine Umgebung, in der Sehen, Bewegung und räumliches Erleben untrennbar miteinander verbunden sind.
Eine Auszeichnung für künstlerische Eigenständigkeit
Mit dem Marta-Preis der Wemhöner Stiftung 2025 wird eine Künstlerin ausgezeichnet, die die Möglichkeiten der Malerei konsequent neu denkt. Der mit 25.000 Euro dotierte Preis ist mit einer Einzelausstellung im Marta Herford verbunden. Zudem geht ein Werk der ausgezeichneten Position in die Sammlung des Museums über.
Der alle zwei Jahre vergebene Preis wurde neu ausgerichtet und wird von einer unabhängigen Fachjury vergeben. Er würdigt herausragende künstlerische Positionen und trägt zur Weiterentwicklung der Museumssammlung bei. Mit der Entscheidung für Kerstin Brätsch rückt eine Praxis in den Mittelpunkt, die sich durch Experimentierfreude, Materialbewusstsein und die bewusste Überschreitung künstlerischer Grenzen auszeichnet.
Kunst, die sich nicht auf Abstand halten lässt
Die Ausstellung in Herford verspricht keine Begegnung mit Malerei, die sich in wenigen Sekunden erfassen lässt. Sie eröffnet vielmehr einen Erfahrungsraum, in dem sich die Wirkung der Werke erst im Zusammenspiel von Farbe, Material, Architektur und Bewegung entfaltet.
Vielleicht liegt genau darin die besondere Qualität von Brätschs Kunst: Sie fordert nicht nur dazu auf, Bilder anzusehen, sondern dazu, die eigenen Vorstellungen vom Bild zu hinterfragen. Wo beginnt ein Kunstwerk, wo endet es? Ist es die Leinwand, die Farbe, der Boden unter unseren Füßen oder erst das Zusammenspiel all dieser Elemente?
Im Marta Herford werden diese Grenzen durchlässig. Malerei wird zur Umgebung, Architektur zur Bildfläche und Wahrnehmung zum eigentlichen Abenteuer. Wer die Ausstellung betritt, begegnet nicht einfach einer Sammlung von Werken, sondern einer Welt, die sich mit jedem Blick neu ordnet.
28. November 2026 bis 28. Februar 2027
https://marta-herford.de

