Als Yulianna Avdeeva 2010 den Internationalen Chopin-Wettbewerb in Warschau gewann, rückte sie schlagartig ins Zentrum der internationalen Klavierwelt. Im Sendesaal Bremen begegnet die Pianistin nun zwei Komponisten, deren musikalische Sprachen unterschiedlicher kaum sein könnten: Frédéric Chopin und Dmitri Schostakowitsch.
Für Avdeeva ist Bremen ein besonderer Ort ihrer künstlerischen Biografie. Bereits 2003 wurde sie beim Europäischen Klavierwettbewerb Bremen ausgezeichnet – lange bevor ihr Sieg in Warschau den entscheidenden internationalen Durchbruch brachte. Seither gastiert sie regelmäßig in bedeutenden Konzertsälen und arbeitet mit renommierten Orchestern zusammen. Ihr Repertoire reicht von Johann Sebastian Bach bis zur Musik des 20. Jahrhunderts, wobei sie sich insbesondere mit Chopin und Schostakowitsch intensiv auseinandergesetzt hat.
Chopins 24 Préludes op. 28 bilden den ersten großen Schwerpunkt des Programms. Der Komponist vollendete den Zyklus 1839 und schuf damit eine Sammlung von Miniaturen, die trotz ihrer teilweise erstaunlichen Kürze eine enorme Ausdrucksvielfalt besitzen. Jedes Prélude eröffnet eine eigene musikalische Welt: von zarten, beinahe flüchtigen Gedanken über leidenschaftliche Ausbrüche bis zu düsteren, von innerer Unruhe geprägten Klangbildern. Die Anordnung durch sämtliche Dur- und Molltonarten verleiht den 24 Stücken einen übergeordneten Zusammenhang.
Bemerkenswert ist, wie konsequent Chopin die Möglichkeiten des Klaviers ausschöpft. Manche Préludes entfalten ihre Wirkung durch eine einzige melodische Idee, andere durch komplexe rhythmische Bewegungen oder ungewöhnliche harmonische Entwicklungen. Die Herausforderung für die Interpretin besteht darin, jedem Stück einen unverwechselbaren Charakter zu geben und zugleich den dramaturgischen Bogen des gesamten Zyklus zu bewahren.
Mit ausgewählten Präludien und Fugen aus Dmitri Schostakowitschs op. 87 schlägt Avdeeva anschließend eine Brücke ins 20. Jahrhundert. Der sowjetische Komponist schrieb seinen monumentalen Zyklus 1950/51 unter dem Eindruck einer Begegnung mit der Musik Johann Sebastian Bachs. Die 24 Werkpaare greifen die barocke Tradition auf, erweitern sie jedoch um eine unverkennbar moderne Klangsprache, die von Ironie, Melancholie und großer emotionaler Intensität geprägt ist.
Avdeeva hat sich mit diesem Werk besonders gründlich beschäftigt und 2025 eine Gesamteinspielung veröffentlicht. Ihr Bremer Klavierabend bietet damit die seltene Gelegenheit, zwei bedeutende Zyklen der Klavierliteratur aus der Perspektive einer Pianistin zu erleben, die beide Komponisten zu zentralen Bezugspunkten ihres künstlerischen Schaffens gemacht hat.
12. Januar 2027










