Rote Fahnen sind längst überall. In Beziehungen markieren sie toxisches Verhalten, im Internet sind sie zum Meme geworden, politisch warnen sie vor allem, was nicht ins gewünschte Weltbild passt. Der steirische herbst ’26 macht aus dem Warnsignal ein Programm: Unter dem Titel „Red Flags“ widmet sich die 59. Festivalausgabe den Konflikten unserer Gegenwart – und weigert sich, dort wegzuschauen, wo es unbequem wird.
Manchmal genügt ein kleines rotes Fähnchen. Ein Satz, eine Haltung, eine Abweichung von der vermeintlich richtigen Linie. In der Dating-Kultur ist die „Red Flag“ längst ein vertrautes Symbol: Sie signalisiert, dass mit dem Gegenüber etwas nicht stimmt. Vorsicht, Abstand halten, weitergehen. Inzwischen hat sich der Begriff weit über Beziehungsratgeber und Social Media hinaus ausgebreitet. Er ist zum politischen Warnzeichen geworden – und damit zu einem bemerkenswerten Spiegel unserer Zeit.
Denn während wir lernen, immer schneller problematische Signale zu erkennen, scheint gleichzeitig die Bereitschaft zu schwinden, Konflikte tatsächlich auszutragen. Man zieht sich zurück, sucht sichere Räume, vermeidet Konfrontationen. Der steirische herbst macht das Gegenteil. „Red Flags“ nimmt die Warnsignale ernst – gerade indem das Festival ihnen nicht ausweicht.Die Ausgangslage ist alles andere als abstrakt. Rund um uns verdichten sich beunruhigende Entwicklungen: Antidiskriminierungsprogramme werden zurückgefahren, Migration wird zunehmend als Bedrohung verhandelt, die Meinungsfreiheit gerät unter Druck, patriarchale Strukturen erleben eine neue Selbstverständlichkeit. Gleichzeitig wird zeitgenössische Kultur finanziell unter Druck gesetzt und gesellschaftlich marginalisiert. Selbst die Errungenschaften der Moderne stehen plötzlich wieder zur Debatte.
Was dabei als „radikal“ oder „gefährlich“ gilt, hat sich verschoben. Bereits Forderungen nach Gleichberechtigung und Solidarität können zum politischen Reizwort werden. Mitte-links-Positionen werden als extrem etikettiert, während sich die politische Mitte nach rechts bewegt. Die rote Fahne wird gehisst, obwohl weit und breit niemand tatsächlich eine schwenkt.

Leila Hekmat, Foto The Dandelion School: A Satire of Soft Power, a Satire of Utopic Joy, a Satire of Ecstatic Fragmentation, a Satire of Revolutionary Desire, a Protest Against the Rising Tide of Conformity, Existence Is Resistance, Courage, Constancy, and Success, and, and, and, And, mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin
Der steirische herbst ’26 will sich in diesem Terrain nicht auf Neutralität zurückziehen. Die 59. Ausgabe beansprucht Raum für jene Konflikte, die reaktionäre Kräfte am liebsten unsichtbar machen würden. Denn politische Auseinandersetzungen finden längst nicht mehr nur in Parlamenten oder auf öffentlichen Plätzen statt. Sie sitzen am Küchentisch, dringen in Schlafzimmer und Wohnzimmer ein, bestimmen Beziehungen, Erinnerungen und Zukunftsvorstellungen. Globale Krisen werden privat – und das Private wird politisch. Kunst wird dabei zum Seismografen. Sie kann sichtbar machen, was sich unter der Oberfläche bewegt, Widersprüche zuspitzen und dort Fragen stellen, wo einfache Antworten längst bereitliegen.
Schon der Auftakt des Festivals verspricht entsprechend wenig Komfortzone. Am 24. September eröffnet Julian Warner am Grazer Karmeliterplatz mit No Surrender: Kampf um die Moderne eine musikalische Performance, die gesellschaftliche und ideologische Kämpfe als Wrestlingmatch inszeniert. Danach geht es in der Helmut List Halle mit Angelic Conversations von Alex Baczyński-Jenkins weiter: Clubkultur trifft auf politische Wut, christliche Bildsprache auf queere Ästhetik. Eine Party in der Halle D beschließt die erste Festivalnacht.
Am folgenden Tag öffnet die zentrale Ausstellung am Griesplatz 34 ihre Türen. Der Ort selbst ist Teil der Erzählung: ein Haus aus dem 17. Jahrhundert an einer stark frequentierten Kreuzung, in einem Grazer Viertel, das von sozialen und geografischen Trennlinien geprägt ist. Wo zuletzt eine Schnitzellokal-Filiale untergebracht war, entsteht für den steirischen herbst eine vollkommen andere Welt.

Max Höfler und Andreas Unterweger, Wenn wir was zu sagen hätten, mit freundlicher Genehmigung der Künstler
Die Künstlerinnen und Künstler verwandeln die Räume in immersive Szenarien. Das vermeintlich Private wird zum Schauplatz großer gesellschaftlicher Konflikte. Kultur- und reale Kriege dringen in häusliche Räume ein; globale Spannungen werden plötzlich unmittelbar und persönlich. Feministische Sektenmitglieder, postkoloniale Detektive, Schützengräben-Camgirls und Kunstwelt-Vampire bevölkern diese eigentümliche Welt. Das klingt absurd, ist aber gerade deshalb so wirkungsvoll: Die Ausstellung macht aus der Gegenwart ein begehbares Haus voller Widersprüche.
Und damit ist der Ton für ein Festival gesetzt, das sich nicht auf eine einzige Kunstform festlegt. Performances, Theater, Musik, Kabarett, Diskussionen und Ausstellungen greifen ineinander und betrachten die Gegenwart aus immer neuen Blickwinkeln.
In Liluli: Allegories of the Western Soul untersucht Lennart Boyd Schürmann die Allegorie als Möglichkeit, die Realität aus einer gewissen Distanz zu betrachten – und dabei vielleicht umso genauer zu erkennen. Stina Fors verbindet in Rhododendron Körper, Musik und die barocke Architektur der Welschen Kirche. Francesca Grilli widmet sich in Record: Graz der politischen Kraft des Rückzugs und der prekären Sichtbarkeit junger Menschen.
Geschichte und Gegenwart treffen in mehreren Arbeiten unmittelbar aufeinander. Kampfgruppe Avantgarde: Eine österreichische Partisanengeschichte von Lukas Michelitsch erinnert an den Widerstand gegen das Naziregime im Grenzgebiet des heutigen Slowenien. Im Anschluss fragt eine Diskussion provokant: „Wir waren nie Antifaschisten?“ In Austria Demenzia entwirft Franz von Strolchen eine Gedenkveranstaltung zum Zweiten Weltkrieg im Jahr 2055 und untersucht, wie sich Erinnerung, Schuld und historische Wahrheit unter dem Einfluss digitaler Fiktion verändern könnten.
Andere Arbeiten führen mitten hinein in aktuelle politische Krisen. Azade Shahmiri entwickelt mit Undernote: A Fractured Assembly of Testimonies from Iran ein vielstimmiges Archiv des gegenwärtigen Iran. Die Rabtaldirndln wiederum nehmen in Dreschen: Ein Brauchtum patriarchale Strukturen, Gewalttraditionen und Femizid ins Visier.

Stina Fors, Foto Neven Allgeier
Auch der Humor bekommt seinen Platz – allerdings keinen harmlosen. Das herbstkabarett nutzt die Kraft des Lachens, um gesellschaftliche Zumutungen sichtbar zu machen. Carmen Chraim erzählt in Almost Integrated vom Leben einer arabischen Frau in der Gegenwart. Krõõt Juurak sucht in The Bare Minimum nach dem Minimum, das wir von Stand-up-Comedy und vom Leben erwarten dürfen. In I’ll Show You How It Feels begegnen Liebe und ihre Abgründe, während Hanik Soleimanis Zai el lila: Cabaret Version die Absurditäten einer Einwanderungsbehörde mit den Geschichten aus Tausendundeiner Nacht verbindet.
Und schließlich kehren die herbst Deathmatches zurück: Streitgespräche, bei denen die intellektuelle Auseinandersetzung selbst zum Ereignis wird.
„Red Flags“ ist damit mehr als ein Festivalmotto. Es ist eine Einladung, genauer hinzusehen. Nicht jede rote Fahne bedeutet Gefahr. Manche markieren vielleicht genau den Ort, an dem es sich lohnt, stehen zu bleiben.
Der steirische herbst setzt auf Kunst als Störfaktor, als Widerspruch und als Gegenöffentlichkeit. Er will keinen falschen Trost anbieten und keine bequeme Neutralität simulieren. Stattdessen bringt er die Konflikte unserer Zeit dorthin, wo wir ihnen kaum ausweichen können: in unsere Städte, unsere Wohnungen, unsere Körper und unsere Erinnerungen.
Vielleicht ist das eigentliche Warnsignal nicht die rote Fahne. Vielleicht ist es der Moment, in dem niemand mehr hinsieht.
24. September bis 18. Oktober 2026
www.steirischerherbst.at

Alina Kleytman, Trigger Warning, mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin






