Was tun, wenn eine Gesellschaft ihre Zukunft verloren hat? Wenn Fortschritt nicht mehr als Versprechen, sondern als Krise erlebt wird? Das Schauspielhaus Hamburg eröffnet die Spielzeit 2026/27 mit einem neuen Antikenzyklus und blickt dafür weit zurück – auf eine der ältesten Geschichten von Aufbruch, Eroberung und Fremdheit. Roland Schimmelpfennig macht aus dem Mythos der Argonauten einen Gegenwartsstoff über Macht, Expansion und den Versuch, sich die Welt untertan zu machen. Der Erfolg der fünfteiligen Serie „ANTHROPOLIS. Ungeheuer. Stadt. Theben.” hat das Schauspielhaus ermutigt, erneut in die Antike aufzubrechen. Mit „FREMDE SONNE. Die Argonauten. Iason. Medea.” entsteht nun ein neuer Zyklus, der die Urgeschichte imperialer und kolonialer Unternehmungen ins Zentrum rückt.

Ausgangspunkt ist Iolkos, eine Hafenstadt nördlich von Theben. Die Gesellschaft steckt fest: politisch, ökonomisch und sozial. Das einstige Fortschrittsversprechen ist ausgehöhlt, Zukunft erscheint nicht mehr als gemeinsames Projekt. In dieser Situation entsteht die Idee des grossen Aufbruchs. Jenseits des bekannten Horizonts soll das Goldene Vlies gefunden werden – ein mythisches Heilmittel für eine Zivilisation, die ihre Orientierung verloren hat. Die Argonauten machen sich auf den Weg nach Kolchis am Schwarzen Meer, in das heutige Georgien. Ihre Expedition ist dabei weit mehr als eine abenteuerliche Reise. Das Goldene Vlies wird zum Symbol für Reichtum, Wissen, Reparatur und ewige Jugend – für die Verheissung, mit dem richtigen Besitz könne sich eine erschöpfte Welt wiederherstellen lassen. Doch die „fremde Sonne” trägt von Beginn an ihre Ambivalenz in sich: Sie verheisst Licht und Zukunft, bedeutet aber ebenso Gefahr, Verbrennung und Unberechenbarkeit. Im Zentrum dieses Spannungsfeldes steht Medea. Die Kolcherin ermöglicht es den Argonauten, das Goldene Vlies nach Griechenland zu bringen. Doch was als Erfolg gefeiert wird, wirft eine grundlegende Frage auf: Wer besitzt das Wissen, wer definiert die Wahrheit – und wer entscheidet darüber, wie Geschichte erzählt wird?

„Fremde Sonne. Zwischenspiel” © Monika Rittershaus

„Fremde Sonne. Zwischenspiel” © Monika Rittershaus

Genau hier wird Schimmelpfennigs Bearbeitung hochaktuell. Im Kern erzählt „FREMDE SONNE” von einem Hegemonialanspruch, der nicht bei einem Land oder einer Welt endet, sondern bis ins Universum reicht. Macht bedeutet dabei nicht nur territoriale Kontrolle. Sie entsteht ebenso durch den Besitz von Information, durch Deutungshoheit und durch die Fähigkeit, Wirklichkeit zu konstruieren.
Roland Schimmelpfennig hat aus der epischen Überlieferung fünf neue Theatertexte entwickelt. Nur «Medea in Korinth: Die verlorenen Kinder» basiert auf Euripides und Grillparzer und wurde in eine zeitgenössische poetische Sprache übertragen. Über zwei Jahre wurde an dem Zyklus gearbeitet und geprobt. Die einzelnen Teile können unabhängig voneinander erlebt oder in einem Marathon miteinander verbunden werden.
Mit „FREMDE SONNE” wird die Antike nicht zur Flucht aus der Gegenwart, sondern zu ihrem Spiegel. Die Argonauten suchen am Ende der bekannten Welt nach einem Versprechen auf Rettung – und begegnen dabei den Mechanismen, die Zivilisationen immer wieder antreiben: Gier, Angst, Entdeckerdrang und der Wunsch nach Kontrolle. Und Medea erinnert daran, dass jene, die einer Macht zum Erfolg verhelfen, nicht zwangsläufig an ihrer Zukunft teilhaben.
Premiere: 26. September 2026
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