Deutschland und Europa im Brennglas der Völklinger Hütte. Ein Ort, an dem sich die Geschichte Europas wie unter einem Brennglas verdichtet: Mit der Ausstellung „DAS STÄHLERNE HERZ“ widmet sich das Weltkulturerbe Völklinger Hütte erstmals umfassend seiner eigenen Geschichte und erzählt zugleich von Aufbruch und Fortschritt, Krieg und Zerstörung, wirtschaftlichem Wohlstand und gesellschaftlichem Wandel. Vom 24. Januar 2027 bis 16. Januar 2028 wird die monumentale Gebläse- und Verdichterhalle zum Schauplatz einer außergewöhnlichen Zeitreise durch zwei Jahrhunderte europäischer Geschichte.
Es gibt Orte, an denen Geschichte nicht nur bewahrt, sondern unmittelbar erfahrbar wird. Die Völklinger Hütte im Saarland ist ein solcher Ort. Ihre gewaltigen Maschinen, riesigen Schwungräder und monumentalen Industriearchitekturen erzählen von einer Epoche, in der Stahl zum Fundament wirtschaftlicher Entwicklung, politischer Macht und gesellschaftlicher Veränderung wurde. Seit 1994 zählt das ehemalige Eisenwerk zum UNESCO-Weltkulturerbe. Nun rückt eine große Ausstellung erstmals die historische Bedeutung dieses außergewöhnlichen Industriestandorts in einen umfassenden europäischen Zusammenhang.

Frauen verladen Masseleisen in der Grauguss-Gießerei der Völklinger Hütte, um 1916
© Stadtarchiv Völklingen/Sammlung Horst Kunkel
Unter dem Titel „DAS STÄHLERNE HERZ. Deutschland und Europa im Brennglas der Völklinger Hütte“ entfaltet sich ein Panorama des 19., 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts. Die Geschichte des Eisenwerks wird dabei zur Erzählung eines ganzen Kontinents: von den Anfängen der Industrialisierung über die rasanten Innovationsschübe der Gründerzeit bis zu den politischen Katastrophen zweier Weltkriege. Stahlhelm- und Waffenproduktion, Zwangsarbeit und menschliches Leid stehen ebenso im Fokus wie die Vision eines friedlichen Europas, der wirtschaftliche Aufschwung der Nachkriegszeit und die Entstehung einer neuen industriellen Gesellschaft.
Dabei bleibt die Ausstellung nicht bei den großen historischen Ereignissen stehen. Sie richtet den Blick auch auf jene Menschen, die das Werk geprägt haben: Arbeiter und Arbeiterinnen, Unternehmer, politische Entscheidungsträger und die sogenannten Gastarbeiter:innen, deren Beitrag zum Wirtschaftswunder lange zu wenig Beachtung fand. Ihre Lebensgeschichten machen deutlich, dass hinter der imposanten Maschinerie immer auch individuelle Hoffnungen, Abhängigkeiten, Konflikte und Schicksale standen.

Hermann Röchling, Walter Rohland und Adolf Hitler im Führerhauptquartier „Werwolf“ in Winniza, August 1942 © Archives nationales
In zwölf chronologisch aufgebauten Kapiteln werden bislang verstreute historische Zeugnisse zusammengeführt und neue Forschungserkenntnisse präsentiert. Fotografien, Dokumente, Filme und Tondokumente aus zahlreichen Archiven und Sammlungen eröffnen überraschende Perspektiven auf die wechselvolle Geschichte des Industriestandorts. Besonders reizvoll ist dabei die Verbindung von historischer Dokumentation mit Literatur, Musik und bildender Kunst. Die Vergangenheit wird nicht einfach illustriert, sondern in einen lebendigen Dialog mit künstlerischen Positionen der Moderne und Gegenwart gebracht.
So begegnen historische Quellen den Werken namhafter Künstlerinnen und Künstler wie Otto Dix, John Heartfield, Alphonse Mucha, Harun Farocki, John Bock, Giulia Andreani und Marcel van Eeden. Internationale Gegenwartskünstlerinnen und gegenwartskünstler entwickeln eigens für die Ausstellung entstandene Rauminstallationen, die den industriellen Kosmos der Völklinger Hütte aus neuen Blickwinkeln erfahrbar machen. Auch Musik und Literatur werden zu erzählerischen Elementen: Bertolt Brechts und Hanns Eislers Saarlied „Der 13. Januar“ aus dem Jahr 1934 trifft auf historische Stimmen wie jene von Erika Mann oder Erich Honecker. Die pneumatisch bewegte Multimedia-Installation „Vicious Circle“ von Peter William Holden ergänzt das historische Panorama um eine faszinierende zeitgenössische Perspektive.

Peter William Holden, Vicious Circle, 2012 © Courtesy of the artist, Photographer: Medial Mirage / Matthias Möller © Artists Studio in Leipzig, Germany
Gerade in dieser Verbindung unterschiedlicher Ausdrucksformen liegt die besondere Qualität des Ausstellungsprojekts. Die gewaltige Industriearchitektur wird selbst zum Teil der Erzählung. Zwischen den mächtigen Schwungrädern der Gebläsehalle, einst Teil jener technischen Infrastruktur, die das Eisenwerk am Laufen hielt, entfaltet sich ein vielschichtiges Bild europäischer Geschichte. Fortschrittsglaube und technische Innovation erscheinen dabei ebenso wie ihre Schattenseiten. Die Ausstellung fragt nach dem Verhältnis von Mensch, Maschine und Gesellschaft und schlägt damit eine Brücke zum Anthropozän – jenem Zeitalter, in dem der Mensch die natürlichen Lebensgrundlagen des Planeten maßgeblich verändert.
Auch die Gegenwart bleibt nicht ausgespart. Der Niedergang der traditionellen Montanindustrie, ökologische Herausforderungen und der strukturelle Wandel hin zur Dienstleistungs-, Wissens- und Freizeitgesellschaft gehören ebenso zur Geschichte der Völklinger Hütte wie ihre industrielle Blütezeit. Aus einem Ort der Produktion wurde ein international bedeutender Kulturstandort. Gerade dieser Wandel macht das Weltkulturerbe zu einem eindrucksvollen Beispiel dafür, wie sich Gesellschaften neu erfinden können, ohne ihre Geschichte zu verleugnen.

Dieter Walter, Die letzte Aufschreibung, Kreide-Handabdrücke auf einer Schichttafel in der Gebläsehalle, 1988. Die Tafel mit den Handabdrücken entdeckte Dieter Walter bei seinem ersten Besuch der Völklinger Hütte nach ihrer Stillsetzung 1986. © Dieter Walter
Begleitet wird die Ausstellung von zwei außergewöhnlichen Publikationen. Im Hirmer Verlag erscheint das umfangreiche Katalogbuch „DAS STÄHLERNE HERZ“ mit 512 Seiten und rund 550 Abbildungen. Essays namhafter Autor:innen und historische Quellentexte ergänzen das visuelle Panorama. Darüber hinaus gestaltet der Berliner Graphic-Novel-Künstler Jens Harder einen eigens für das Weltkulturerbe entwickelten 80-seitigen Band zur Geschichte der Völklinger Hütte, der in deutscher, englischer und französischer Ausgabe erscheint. Ein vielseitiges Rahmenprogramm mit Partnern wie dem Saarländischen Staatstheater, der Hochschule für Musik Saar, dem Filmhaus Saarbrücken und dem Kino Achteinhalb erweitert das Ausstellungserlebnis um weitere kulturelle Perspektiven.
„DAS STÄHLERNE HERZ“ ist weit mehr als eine historische Rückschau. Die Ausstellung macht sichtbar, wie eng industrielle Entwicklung, politische Geschichte, kulturelle Identität und menschliche Lebenswege miteinander verwoben sind. Sie erzählt von einem Europa, das durch seine Industrie geprägt wurde, von seinen Widersprüchen und Brüchen, aber auch von seiner Fähigkeit zum Wandel. Und sie erinnert daran, dass die Geschichte großer Maschinen immer auch eine Geschichte der Menschen ist, die sie gebaut, betrieben und mit ihrem Leben gefüllt haben.
24. Januar 2027 bis 16. Januar 2028
https://voelklinger-huette.org

Werbefoto der Röchling’schen Eisen- und Stahlwerke GmbH, 1968, Elke Latz und ein Hochöfner im Schutzanzug aus Asbest. Auch das patriarchale Frauenbild wird in der Ausstellung sichtbar. © Saarländisches Landesarchiv











