Die 17. Internationalen Schostakowitsch Tage Gohrisch spüren dem Einfluss jüdischer Musik im Werk Schostakowitschs nach. Der Freistaat Sachsen hat das Jahr 2026 landesweit zum „Jahr der jüdischen Kultur“ erklärt, um jüdisches Leben und seine Geschichte einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. An diesem Themenjahr mit dem Titel TACHELES beteiligen sich die Internationalen Schostakowitsch Tage Gohrisch in ihrer 17. Ausgabe: Dmitri Schostakowitsch hat vielfach den Einfluss der jüdischen Musik auf sein eigenes Schaffen unterstrichen. Dafür stehen Kompositionen wie die 13. Sinfonie „Babi Jar“ ebenso wie das 2. Klaviertrio, das 4. Streichquartett oder der Liedzyklus „Aus jiddischer Volkspoesie.“
Jüdische Zeitgenossen, Klassiker und eine Neuentdeckung
Von besonderer Bedeutung waren für ihn in diesem Kontext die Werke Gustav Mahlers, den er als Vorbild verehrte, und die seines Freundes Mieczysław Weinberg, dem er nach dessen Flucht vor den Nationalsozialisten 1943 in Moskau dauerhaften Aufenthalt ermöglichte. Werke beider Komponisten stehen auf dem diesjährigen Programm – ebenso wie Kompositionen von Alfred Schnittke, der Schostakowitschs Erbe als Vertreter einer jungen sowjetischen Avantgarde weitertrug; von Erwin Schulhoff, dessen vielversprechende Karriere in Dresden begann und 1942 viel zu früh im Internierungslager Wülzburg (Bayern) tragisch endete; außerdem von Felix Mendelssohn Bartholdy, dessen Wirken als Gewandhauskapellmeister von Leipzig aus weit in die Musikwelt ausstrahlte.
„Dmitri Schostakowitsch hat immer wieder auf die Bedeutung der jüdischen Kultur für sein eigenes Schaffen hingewiesen. Wir spüren diesen Verbindungen in diesem Jahr nach, indem wir ihm Werke von jüdischen Zeitgenossen, Nachgeborenen, aber auch Klassikern wie Felix Mendelssohn Bartholdy gegenüberstellen. Mit dem Komponisten Lew Abeliowitsch wird es außerdem eine spannende Neuentdeckung geben, dessen Werke bei uns bislang völlig unbekannt sind“, erklärt Tobias Niederschlag, Künstlerischer Leiter der Schostakowitsch-Tage.

Kremerata Baltica, Gidon Kremer © Angie Kremer Photography
Der Weißrusse Lew Abeliowitsch (1912-1985) studierte in Warschau und floh 1939 nach dem deutschen Überfall auf Polen mit seinem Kommilitonen Mieczysław Weinberg über Minsk nach Moskau. Dort ließ er sich – wie Weinberg – durch das Umfeld von Schostakowitsch und David Oistrach inspirieren. 1951 kehrte infolge der Antisemitismus-Kampagne Stalins nach Minsk zurück, wo er bis zu seinem Tod 1985 kompositorisch tätig war. Anders als die Musik seines Freundes Weinbergs, dem er mehrere Werke widmete, harrt sein Schaffen jedoch nach wie vor der Entdeckung. Der Pianist Rostislav Krimer betreut den Nachlass und hat es sich zur Aufgabe gemacht, diesen vergessenen Komponisten ins Bewusstsein zu bringen. Gemeinsam mit Nils Mönkemeyer (Viola), Elli Choi (Violine) und Friedrich Thiele (1. Konzertmeister der Violoncelli der Sächsischen Staatskapelle Dresden) wird er einige Kammermusikwerke Abeliowitschs in Gohrisch als Europäischen Erstaufführungen vorstellen.
Schostakowitsch-Preis für Elisabeth Leonskaja
Viele weitere prominente Künstlerinnen und Künstler sind am diesjährigen Programm beteiligt: Gidon Kremer und seine Kremerata Baltica musizieren zur Eröffnung Werke von Schostakowitsch, darunter die Streichorchesterfassung des in Gohrisch entstandenen 8. Streichquartetts, Schnittke und dem lettischen Zeitgenossen Pēteris Vasks. Solistin in dessen Meditation „Einsamer Engel“ ist Vineta Sareika, ehemalige Primaria des Artemis Quartetts und bis 2025 Konzertmeisterin der Berliner Philharmoniker. In einem Kammerabend gastiert erneut das renommierte Quatuor Danel, diesmal mit Streichquartetten von Schostakowitsch, Weinberg und Mendelssohn. Mit der legendären Pianistin Elisabeth Leonskaja, die noch mit Schostakowitsch zusammenarbeitete, findet das Quartett außerdem zu einem Gipfeltreffen zusammen, bei der Leonskaja der diesjährige Schostakowitsch-Preis verliehen wird. Auch sie ist ein weiteres Mal in der Konzertscheune zu erleben: mit Schostakowitschs 2. Klaviersonate, auf die die Streichoktette von Schostakowitsch und Mendelssohn folgen. Hierfür wurde ein einzigartiges Ensemble zusammengestellt, das Vadim Gluzman (Violine), Nils Mönkemeyer sowie Mitglieder der Kremerata Baltica und der Sächsischen Staatskapelle vereint.
Ingo Metzmacher am Pult der Staatskapelle
Vadim Gluzman ist auch der Solist der Aufführungsmatinee der Sächsischen Staatskapelle Dresden, des Patenorchesters der Schostakowitsch-Tage, das diesmal unter der Leitung von Ingo Metzmacher musiziert. Metzmacher kehrt nach vielen Jahren ans Kapellpult zurück und dirigiert Werke von Schostakowitsch (Violinsonate op. 134 in einer Orchesterfassung von Krzysztof Meyer), Weinberg sowie den „Cantus in Memory of Benjamin Britten“ von Arvo Pärt – eine Hommage an den britischen Komponisten und Schostakowitsch-Freund, der vor 50 Jahren verstarb. Das Abschlusskonzert gestalten viele der genannten Künstlerinnen und Künstler gemeinsam mit Onute Gražinytė (Klavier), Paul Moosbrugger (Soloklarinettist der Sächsischen Staatskapelle) und den Gesangssolisten Sarah Gilford, Hagar Sharvit und Lukas Schmidt. Werke von Prokofjew, Mahler, Schnittke und Schulhoff sowie Schostakowitschs Vokalzyklus „Aus jiddischer Volkspoesie“ unterstreichen hierbei noch einmal das Festival-Motto TACHELES.
25. bis 27. Juni 2026

Ingo Metzmacher © Felix Broede
Buchvorstellung
Teil des Programms in Gohrisch ist auch eine Buchpräsentation, bei der die Autorin und Filmemacherin Elena Yakovich ihr 2025 erschienenes Buch „Zu zweit. Irina Antonowna Schostakowitsch – Mein Leben mit Dmitri Schostakowitsch“ vorstellt. Dieses basiert auf raren Interviews mit der Witwe des Komponisten und Schirmherrin des Festivals. Der gleichnamige Dokumentarfilm kam bereits 2024 in Gohrisch zur Europäischen Erstaufführung.
Sonderkonzert im Dresdner Kulturpalast
Den Vorabend der Schostakowitsch-Tage gestaltet erneut die Sächsische Staatskapelle Dresden mit einem Sonderkonzert im Dresdner Kulturpalast (24. Juni 2026 – Tickets über staatskapelle-dresden.de). Philippe Jordan, designierter Chefdirigent des Orchestre National de France, leitet Aufführungen des 2. Violinkonzertes mit der Solistin Isabelle Faust sowie der 10. Sinfonie, die Schostakowitsch 1953 als musikalische Abrechnung mit dem Stalin-Regime komponierte.






