Nikolaus Kratzer, ab 2027 künstlerischer Leiter der Landesgalerie Niederösterreich, und der Kunstsammler Helmut Zambo bringen im Arnulf Rainer Museum zwei außergewöhnliche Positionen der österreichischen Kunstgeschichte zusammen: Arnulf Rainer und Hermann Nitsch. Im historischen Frauenbad von Baden begegnen sich zwei Künstler, die Malerei radikal neu dachten – als Prozess, als Spur und als körperliche Erfahrung.
Wo einst im warmen Schwefelwasser gebadet wurde, wird heute Kunstgeschichte neu betrachtet. Das klassizistische Gebäude des ehemaligen Frauenbades bewahrt mit seinen Badebecken und Umkleidekabinen die Atmosphäre vergangener Kurkultur und bildet zugleich einen außergewöhnlichen Resonanzraum für zeitgenössische Kunst. Ab 24. Oktober 2026 steht hier erstmals ausschließlich die Begegnung von Arnulf Rainer (1929–2025) und Hermann Nitsch (1938–2022) im Mittelpunkt.
Beide Künstler beschritten unterschiedliche Wege und doch verbindet sie eine gemeinsame Radikalität: Sie stellten die Grenzen des traditionellen Kunstbegriffs infrage und machten den künstlerischen Prozess selbst zum wesentlichen Bestandteil ihres Schaffens. Nicht allein das fertige Bild zählt, sondern der Weg dorthin – die Handlung, die Spur, die Veränderung.

Arnulf Rainer © Christian Wind
Arnulf Rainer, 1929 in Baden geboren, gilt als einer der bedeutendsten Erneuerer der österreichischen und internationalen Kunst nach 1945. Mit seinen seit den 1950er-Jahren entwickelten Übermalungen revolutionierte er den Umgang mit dem Bild. Schwarze und farbige Linien, Verdichtungen und gestische Eingriffe überlagern vorhandene Bildflächen, bis diese zwischen Sichtbarkeit und Auslöschung oszillieren. Auch Fotografien, Bücher und das eigene Gesicht wurden zu Trägern seiner radikalen Bildsprache. Das übermalte Selbstporträt wurde zu einer Ikone der österreichischen Nachkriegskunst.
Hermann Nitsch wiederum erweiterte die Malerei in Richtung Musik, Performance, Architektur und Ritual. Als Mitbegründer des Wiener Aktionismus entwickelte er mit dem „Orgien Mysterien Theater“ ein umfassendes Gesamtkunstwerk, das alle Sinne einbezieht. Farbe, Körper, Bewegung, Musik und Handlung werden zu Bestandteilen eines künstlerischen Geschehens, das sich nicht allein betrachten, sondern erfahren lässt.

Hermann Nitsch © Heinz Cibulka
Die Ausstellung richtet den Blick auf jene Themen, die beide Künstler auf jeweils eigene Weise beschäftigten: das Kreuz als Metapher für den künstlerischen Schaffensprozess, das Verhältnis von Proportion und Farbe, den Körper als Spurenträger und die Fotografie als eigenständiges Ausdrucksmittel. Auch Schloss Prinzendorf, Nitschs langjährige Wirkungsstätte, verbindet die beiden Künstler. In seinem druckgrafischen Mappenwerk „Die Architektur des Orgien Mysterien Theaters“ verschmilzt Nitsch Architektur mit Körperformen sowie Hand- und Fingerabdrücken. Rainer wiederum schuf in Prinzendorf sein Monumentalwerk „Selbstbegräbnis oder Christusleid, Christusfreud?“.
Rainer und Nitsch erscheinen in dieser Ausstellung nicht als aufeinanderfolgende Kapitel der österreichischen Kunstgeschichte, sondern als zwei gleichzeitig pulsierende Positionen. Zwischen Übermalung und Aktion, Verdichtung und Entgrenzung wird sichtbar, wie sehr Kunst ein Vorgang des Werdens sein kann. Im historischen Frauenbad von Baden treffen zwei radikale Bildwelten aufeinander – und eröffnen einen Dialog, der weit über die Leinwand hinausreicht.
24. Oktober 2026 bis 3. Oktober 2027

links: Arnulf Rainer, Kreuz, 1982, Landessammlungen NÖ – Sammlung Zambo, Deutschland, © Arnulf Rainer
rechts: Hermann Nitsch, Wachsbild, 1958/59, Sammlung Dolezal, © Bildrecht, Wien 2026, Foto: Christoph Fuchs, Wien
Sammlung Zambo
Im Rahmen einer großzügigen Schenkung übergab Helmut Zambo 2024 den Kernbestand seiner in rund 65 Jahren zusammengetragenen Kunstsammlung an die Landessammlungen Niederösterreich. Zambo bezeichnet sich selbst als „Tiefensammler“ und konzentrierte sich auf wenige Künstlerpersönlichkeiten und Kunstrichtungen. Einen Schwerpunkt der Schenkung bilden rund 300 Werke von Arnulf Rainer, ergänzt durch bedeutende Bestände zu Art Brut, Günter Brus und Hermann Nitsch. Die Ausstellung greift die charakteristische Salonhängung auf, in der mit seiner Sammlung lebte und, die er für das Zwischengeschoss des Arnulf Rainer Museums persönlich nachempfunden hat.
www.arnulf-rainer-museum.at





