Was geschieht, wenn die Musik eines romantischen Komponisten auf die Klangsprachen der Gegenwart trifft? Wenn aus vertrauten Melodien neue musikalische Gedanken entstehen und sich zwischen Traum, Wirklichkeit und Experiment überraschende Räume öffnen? Das Lucerne Festival Forward widmet sich vom 20. bis 22. November 2026 unter dem Motto „Echoes of Schumann” der anhaltenden Faszination Robert Schumanns. Erstmals kuratiert der Klarinettist und Komponist Jörg Widmann das Herbstfestival für Gegenwartsmusik – und macht Luzern zum Schauplatz eines vielschichtigen Dialogs zwischen Romantik und Moderne.
Schumann war ein Künstler voller Gegensätze: träumerisch und leidenschaftlich, poetisch und zerrissen, stets auf der Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten. Gerade diese innere Unruhe macht seine Musik bis heute zu einem faszinierenden Bezugspunkt für zeitgenössische Komponistinnen und Komponisten. Widmann, selbst seit seiner Jugend von Schumanns Klangwelt geprägt, spürt dessen musikalischen Spuren nach und zeigt, wie lebendig sie in der Gegenwart weiterwirken.
Zwischen Märchen und Abgrund
Gemeinsam mit dem Bratschisten Antoine Tamestit und dem Pianisten Sir András Schiff widmet sich Widmann Schumanns Kammermusik und den geheimnisvollen Zwischenwelten seiner Fantasie. Märchen erscheinen dabei nicht als nostalgische Flucht in vergangene Zeiten, sondern als Spiegel menschlicher Ängste und Sehnsüchte. Widmanns eigener Zyklus «Es war einmal …» greift diese Ambivalenz auf. Auch György Kurtág knüpft an Schumanns ungewöhnliche Besetzung aus Klarinette, Viola und Klavier an. Mit den «Geistervariationen» begegnet das Publikum zudem einem späten Werk, das Schumann kurz vor seiner schweren psychischen Krise komponierte.

Fatma Said © Simon Fowler
Eine Liebe, viele Klangsprachen
Ein weiterer Schwerpunkt gilt der «Dichterliebe», Schumanns berühmtem Liederzyklus nach Gedichten von Heinrich Heine. Die Geschichte einer zunächst hoffnungsvollen, schliesslich enttäuschten Liebe wird im Festival neu erzählt: Christian Jost und Jörg Widmann haben eigene musikalische Fassungen geschaffen. Während Jost Schumanns Lieder mit neuen Zwischenspielen in einen fortlaufenden Klangstrom einbettet, entwickelt Widmann aus der Originalmusik eine eigenständige, zeitgenössische Klangwelt.
Die Sopranistin Fatma Said, der Bariton Matthias Goerne und das Lucerne Festival Contemporary Orchestra gestalten diese Begegnung zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Pianistin Johanna Summer führt den musikalischen Dialog in einer Late-Night-Improvisation weiter. Sie verbindet klassische Motive mit Jazz und spontanen Klangexperimenten – und beweist, dass Schumanns Musik auch jenseits traditioneller Konzertformen neue Wege eröffnet.

Solistinnen und Solisten des Lucerne Festival Contemporary Orchestra © Priska Ketterer
Musik als Seismograf der Seele
Wie eng musikalische Innovation und seelische Grenzerfahrungen miteinander verbunden sein können, zeigt ein weiterer Programmschwerpunkt. Widmann beleuchtet in einem Lecture-Konzert Schumanns harmonische und rhythmische Verschiebungen und stellt ihnen seine „Fieberphantasie” gegenüber. Heinz Holliger wiederum verbindet in seinen „Gesängen der Frühe” Schumanns späten Klavierzyklus mit Texten Friedrich Hölderlins und Dokumenten aus den letzten Lebensphasen beider Künstler. Auch ein Orchesterwerk des 2024 verstorbenen Aribert Reimann setzt sich mit Schumanns tragischem Ende auseinander.
Mit dem Lucerne Festival Contemporary Orchestra, dem SWR Vokalensemble und einer Reihe herausragender Solistinnen und Solisten entsteht ein Festival, das nicht nur musikalische Traditionen hinterfragt, sondern auch die Grenzen zwischen den Epochen auflöst.
„Echoes of Schumann” lädt dazu ein, einen grossen Romantiker neu zu hören – und in seinen musikalischen Nachklängen überraschend viel über die Gegenwart zu entdecken.
20. bis 22. November 2026
www.lucernefestival.ch

Jörg Widmann © Marco Borggreve















