Manche Kunstwerke verschwinden nicht, weil sie vergessen werden sollen, sondern weil ihre Geschichten nie vollständig erzählt wurden. Sie lagern auf Videobändern, verborgen in Archiven, verstreut über Ländergrenzen hinweg und oftmals abseits der großen kunsthistorischen Erzählungen. Mit der Ausstellung „Hidden on Tape. Frühe Videokunst in Europa” richtet das ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe den Blick auf genau diese verborgenen Kapitel der Kunstgeschichte. Vom 28. November 2026 bis zum 30. Mai 2027 lädt die Schau dazu ein, die Anfänge einer Kunstform neu zu entdecken, die unser Verständnis von Bildern, Medien und Wirklichkeit nachhaltig verändert hat.
Während die Geschichte der Videokunst bislang häufig aus nordamerikanischer Perspektive erzählt wurde, blieb die europäische Entwicklung ein vielschichtiges Geflecht aus unterschiedlichen künstlerischen Positionen, regionalen Szenen und individuellen Erfahrungen. Viele Pionierinnen und Pioniere erlangten kaum internationale Bekanntheit. Eine umfassende europäische Erzählung fehlt bis heute. «Hidden on Tape» setzt hier an und macht sichtbar, was lange im Verborgenen lag.

Marcel Odenbach, Außer Rand und Band II, 2022 © VG Bild-Kunst, Bonn 2023; Foto © ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe, Foto: Franz J. Wamhof
Ein Kontinent, viele Bildsprachen
Ausgehend vom Ende der 1950er-Jahre bis in die 1990er-Jahre eröffnet die Ausstellung einen Überblick über die frühe Videokunst in mehr als 26 europäischen Ländern. Dabei wird Europa nicht allein als geografischer Raum verstanden, sondern auch als kultureller und gesellschaftspolitischer Zusammenhang. Die präsentierten Arbeiten spiegeln eine Zeit des Experimentierens, des technischen Aufbruchs und gesellschaftlicher Veränderungen wider.
Video war für Künstlerinnen und Künstler weit mehr als ein neues technisches Werkzeug. Das bewegte Bild eröffnete Möglichkeiten, traditionelle Sehgewohnheiten zu hinterfragen, persönliche Erfahrungen sichtbar zu machen und gesellschaftliche Wirklichkeiten kritisch zu untersuchen. Wie diese Möglichkeiten genutzt wurden, hing jedoch wesentlich von den jeweiligen Lebensbedingungen ab. Der Zugang zu technischer Ausrüstung, unterschiedliche politische Systeme und kulturelle Rahmenbedingungen prägten die künstlerische Produktion ebenso wie internationale Kontakte und grenzüberschreitende Netzwerke. So entsteht kein einheitliches Bild europäischer Videokunst, sondern ein Panorama vielfältiger Ausdrucksformen. Gerade in dieser Heterogenität liegt die Stärke der Ausstellung: Sie macht deutlich, dass Kunstgeschichte immer auch davon abhängt, welche Werke bewahrt, erforscht und in einen größeren Zusammenhang gestellt werden.

Annegret Soltau, Schwanger, aus der Serie: „Infermental 6: Fractal Grammar”, 1986, U-Matic, Farbe, mono, 00:05:54, ZKM | Zentrum für Kunst und Medien. / © VG Bild-Kunst, Bonn 2014
Neue Perspektiven auf eine gemeinsame Geschichte
Die Ausstellung ist Teil des fünfjährigen Forschungsprojekts „Die Entstehung der Videokunst in Europa (2021–2025)”, an dem die Universität Paris 8 Vincennes–Saint-Denis und die ECAL in Lausanne gemeinsam mit der Französischen Nationalbibliothek und dem ZKM beteiligt waren. Unterstützt wurde das Projekt vom Schweizerischen Nationalfonds und der französischen Agence Nationale de la Recherche.
„Hidden on Tape” versteht sich damit nicht nur als Ausstellung, sondern auch als Beitrag zu einer Kunstgeschichte, die bislang wenig beachtete Positionen neu bewertet. Die Wiederentdeckung dieser Werke schafft Raum für andere Perspektiven und macht sichtbar, wie eng künstlerische Entwicklungen über Ländergrenzen hinweg miteinander verbunden sind. In einer Zeit, in der nationale Abgrenzungen wieder an Bedeutung gewinnen, erhält dieser Blick über Grenzen hinweg zusätzliche Aktualität. Die frühe Videokunst erzählt von Unterschieden, Brüchen und eigenständigen Entwicklungen – zugleich aber auch von Austausch, Gemeinsamkeiten und der Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten.
Was auf den alten Bändern verborgen blieb, wird so zum Ausgangspunkt einer neuen Erzählung: über die Kunst, über Europa und darüber, wie Bilder unser Verständnis von Geschichte prägen.
28. November 2026 bis 30. Mai 2027
https://zkm.de
You are currently viewing a placeholder content from YouTube. To access the actual content, click the button below. Please note that doing so will share data with third-party providers.

