Was bedeutet es, gesehen zu werden? Und was bleibt von jenen Geschichten, die in der offiziellen Geschichtsschreibung kaum Platz finden? Mit der Filmreihe „Siyabonana – Wir sehen einander. Queeres Kino in Südafrika“ lädt das Österreichische Filmmuseum am 2. und 3. Dezember 2026 zu einer filmischen Begegnung mit queeren Lebenswelten, persönlichen Erinnerungen und gesellschaftlichen Realitäten Südafrikas ein.

Das Programm vereint Dokumentar-, Spiel- und Experimentalfilme queerer südafrikanischer Künstler:innen und Filmschaffender unterschiedlicher Generationen. Ihre Arbeiten erzählen von Begehren, Liebe, Freundschaft, Familie und Zugehörigkeit, aber auch von Ausgrenzung, Widerstand und dem Ringen um Sichtbarkeit. Dabei verbinden sie individuelle Erfahrungen mit der kollektiven Geschichte eines Landes, dessen Vergangenheit bis heute von den Folgen der Apartheid geprägt ist.

Over the Rainbow (Queens in Exile Series), 2017, Athi-Patra Ruga © Österreichisches Filmmuseum

Over the Rainbow (Queens in Exile Series), 2017, Athi-Patra Ruga © Österreichisches Filmmuseum

Gegen das Vergessen, für neue Perspektiven
Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf historischen Pionierarbeiten des Dokumentarfilms. Indem sie persönliche Lebenswege und Erfahrungen festhalten, bewahren sie Erinnerungen, die marginalisiert oder aus vorherrschenden Geschichtsbildern ausgeschlossen wurden. Sie machen sichtbar, was allzu oft übersehen wird, und erzählen zugleich von der Selbstbehauptung queerer Menschen in einer Gesellschaft, in der Anerkennung keineswegs selbstverständlich ist.
Ergänzt werden diese filmischen Zeugnisse durch zeitgenössische Spiel- und Experimentalfilme, die neue ästhetische Wege beschreiten. Sie hinterfragen traditionelle Erzählformen, erkunden individuelle und kollektive Identitäten und entwerfen Bilder möglicher Gegenwelten. Manche Arbeiten suchen die unmittelbare Nähe zu ihren Protagonist:innen, andere setzen auf Distanz, Verfremdung und das bewusste Spiel mit Sichtbarkeit und Verborgenem. So entsteht ein vielschichtiges filmisches Panorama, das sich einfachen Zuschreibungen entzieht.

Birds of a Feather, 2024, Ts'episo Mahase © Österreichisches Filmmuseum

Birds of a Feather, 2024, Ts’episo Mahase © Österreichisches Filmmuseum

Ein Titel, der Begegnung verspricht
Der Name „Siyabonana“ verweist auf eine Idee, die weit über das bloße Sehen hinausgeht: auf gegenseitige Wahrnehmung, Anerkennung und die Bestätigung, dass wir einander als Menschen begegnen. Im Zentrum steht damit auch die Frage, wer gesehen wird, wer Bilder von sich selbst gestalten darf und wessen Geschichten in Erinnerung bleiben.
Kuratorisch eröffnet die Reihe einen Raum, in dem Film nicht nur dokumentiert, sondern auch bezeugt, rekonstruiert und neue Vorstellungen von Identität und Zusammenleben entwickelt. Das Wiener Publikum erhält die Gelegenheit, Perspektiven kennenzulernen, die im hiesigen Kulturbetrieb noch immer vergleichsweise wenig präsent sind.
2. und 3. Dezember 2026
www.filmmuseum.at

Bilder, die zurückblicken
Die Filmreihe steht zugleich in einem spannenden Dialog mit der Fotografieausstellung „Zanele Muholi. We are Here” im FOTO ARSENAL WIEN, die noch bis 10. Jänner 2027 zu sehen ist. Die Ausstellung versammelt mehr als 120 Fotografien sowie Videoarbeiten und Archivmaterial aus über zwei Jahrzehnten. FOTO ARSENAL WIEN präsentiert die erste Einzelausstellung der international renommierten südafrikanischen Fotokünstlerin in Österreich und ergänzt das filmische Programm um eindringliche visuelle Zeugnisse queerer Selbstrepräsentation.
www.fotoarsenalwien.at

Gemeinsam eröffnen Film und Fotografie einen Raum für Geschichten, Gesichter und Lebensrealitäten, die Aufmerksamkeit verdienen. Die Einladung von „Siyabonana“ ist dabei ebenso einfach wie bedeutungsvoll: genau hinzuschauen, anderen Perspektiven zu begegnen und sich von den Bildern selbst berühren und herausfordern zu lassen.

A Normal Daughter: The Life and Times of Kewpie of District Six, 2000, Jack Lewis © Österreichisches Filmmuseum

A Normal Daughter: The Life and Times of Kewpie of District Six, 2000, Jack Lewis © Österreichisches Filmmuseum