Manchmal sind es nicht die Dinge, die wir sehen, die uns am meisten beschäftigen, sondern jene, die sich unserem Blick entziehen. Erinnerungen, verschwundene Gesichter, verdrängte Geschichten und Bilder, die zwischen Wirklichkeit und Fantasie schweben. Sie alle hinterlassen Spuren und wirken weiter, auch wenn ihre Zeit längst vergangen scheint. Genau diesem geheimnisvollen Zwischenreich widmet sich die Ausstellung „Tomorrow’s Ghosts – (Zeit-)Geister des Fotografischen“ im PHOXXI – Haus der Photographie in Hamburg. Vom 20. November 2026 bis zum 4. April 2027 begegnen hier acht internationale künstlerische Positionen den Gespenstern unserer Zeit.

Gespenster sind dabei weit mehr als unheimliche Erscheinungen aus alten Erzählungen. Sie stehen sinnbildlich für das, was nicht verschwinden will: für die Vergangenheit, die in unsere Gegenwart hineinwirkt, für verdrängte Wahrheiten und für Erinnerungen, die sich jeder eindeutigen Einordnung entziehen. Gerade in einer Zeit, in der künstliche Intelligenz Bilder erzeugt, Gesichter verändert und Wirklichkeiten simuliert, gewinnt diese Vorstellung eine überraschende Aktualität.
Die Fotografie spielt dabei eine ganz besondere Rolle. Seit ihren Anfängen bewegt sie sich zwischen Anwesenheit und Abwesenheit. Sie hält Augenblicke fest, bewahrt Erinnerungen und macht Vergangenes sichtbar – und erinnert uns gleichzeitig daran, dass das Abgebildete längst nicht mehr existiert. Schon die Geisterfotografie des 19. Jahrhunderts versuchte, Unsichtbares auf Fotoplatten einzufangen. Heute sind es digitale Bildwelten und KI-generierte Fantasien, die unsere Wahrnehmung herausfordern. Was ist noch echt? Wem können wir unseren Augen trauen? Und wie verändert sich unser Verhältnis zu Bildern, wenn Realität und Simulation zunehmend miteinander verschmelzen?

Teresa Fischer: Everybody Wants to Leave Here. Courtesy Expanded Horizons, 2026

Teresa Fischer: Everybody Wants to Leave Here. Courtesy Expanded Horizons, 2026

Acht Künstlerinnen und Künstler – Anastasiia Batishcheva, Mai Do, Teresa Fischer, Nora Handsley, Lisa Mazenauer, Pavle Nikolić, Vincent Völker und Cedric Zellweger – nähern sich diesen Fragen aus ganz unterschiedlichen Perspektiven. Ihre Arbeiten führen in geheimnisvolle Bildwelten, in denen persönliche Erinnerungen, Familiengeschichten, gesellschaftliche Verdrängung und politische Narrative ebenso eine Rolle spielen wie die rätselhaften Erscheinungen künstlicher Bildproduktion. Schattensilhouetten, fremde Gesichter und digitale Störungen eröffnen neue Sichtweisen auf das Verhältnis von Mensch, Geschichte und Technologie.
Dabei geht es nicht allein um das Unheimliche. Das Gespenstische wird vielmehr zum künstlerischen Werkzeug, um Unsicherheiten sichtbar zu machen, festgefahrene Vorstellungen aufzubrechen und neue Denk- und Imaginationsräume zu schaffen. Auch die Frage, welche historischen Ideologien und gesellschaftlichen Erzählungen bis heute fortwirken, erhält dabei eine besondere Bedeutung.
„Tomorrow’s Ghosts“ versteht Fotografie als eine Art Geistermaschine: Bilder bewahren Spuren, lassen Vergangenes wieder auftauchen und werfen zugleich Schatten auf das, was noch kommen könnte. Eine Ausstellung, die nicht nur den Blick auf die Fotografie verändert, sondern auch dazu einlädt, unsere eigene Gegenwart mit anderen Augen zu betrachten. Denn manche Gespenster sind längst unter uns – wir müssen nur lernen, sie zu erkennen.
20. November 2026 bis 4. April 2027
www.deichtorhallen.de

Mai Do: Every Weekend, Our Attic Becomes Vietnam. Courtesy Expanded Horizons, 2026

Mai Do: Every Weekend, Our Attic Becomes Vietnam. Courtesy Expanded Horizons, 2026