Der „Leere Beutel“ in Regensburg ist weit mehr als ein Museum: Das historische Speichergebäude verbindet jahrhundertealte Geschichte mit zeitgenössischer Kunst, kreativen Experimenten und kultureller Lebendigkeit.

Wer den „Leeren Beutel“ in Regensburg betritt, spürt sofort diese besondere Atmosphäre. Dicke Mauern erzählen von Jahrhunderten bewegter Stadtgeschichte, während wenige Schritte weiter moderne Kunst, Filmkultur und Jazz aufeinandertreffen. Historischer Charme trifft hier auf kreative Gegenwart – rau, lebendig und überraschend offen.
Mitten in der Regensburger Altstadt gelegen, gehört der Kulturort „Leerer Beutel“ längst zu den spannendsten kulturellen Treffpunkten Ostbayerns. Das ehemalige Speichergebäude aus dem 16. und 17. Jahrhundert vereint heute die Städtische Galerie, die Filmgalerie und den Jazzclub Regensburg unter einem Dach. Ein Haus, das Geschichte nicht konserviert, sondern weiterdenkt.
Dabei blickt der „Leere Beutel“ auf eine lange Vergangenheit zurück. Bereits 1364 wurde er erstmals urkundlich erwähnt – damals noch unter dem Namen „Larenpautel“. Über die Jahrhunderte diente das Gebäude als Getreidespeicher, Magazin, Hilfskaserne und Lagerhaus. Erst mit der aufwendigen Sanierung Ende der 1970er-Jahre wurde aus dem historischen Zweckbau ein kultureller Hotspot der Stadt.
Heute bildet die Städtische Galerie das Herzstück des Hauses. Gerade der Kontrast zwischen alter Architektur und moderner Kunst macht ihren besonderen Reiz aus. Zwischen historischen Balken, massiven Mauern und hohen Räumen entfalten zeitgenössische Werke eine beeindruckende Wirkung. Die Galerie zeigt Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts – regional verwurzelt und zugleich international ausgerichtet.

Blick in die Städtische Galerie Leerer Beutel, Foto Stefan Effenhauser

Blick in die Städtische Galerie Leerer Beutel, Foto Stefan Effenhauser

In der Dauerausstellung begegnen Besucherinnen und Besucher bedeutenden Positionen ostbayerischer Kunstgeschichte. Werke von Künstlern wie Kurt von Unruh, Josef Achmann, Xaver Fuhr, Otto Baumann oder Willi Ulfig spiegeln die kreative Vielfalt der Region wider. Dazu setzt die Künstlergruppe „SPUR“ markante Akzente der Nachkriegskunst. Gleichzeitig bleibt die Sammlung ständig in Bewegung: Werke werden ausgetauscht, neue Arbeiten integriert, Perspektiven verändert. So entsteht selbst für Stammgäste immer wieder ein neuer Blick auf die Ausstellung.
Besonders spannend wird es jedoch in den großzügigen Sonderausstellungen auf über 1.100 Quadratmetern Fläche. Hier öffnet sich der „Leere Beutel“ aktuellen gesellschaftlichen Fragen, experimentellen Formaten und internationalen Positionen.
In diesem Sommer richtet die Städtische Galerie im Leeren Beutel den Blick auf zwei Ausstellungen, die auf sehr unterschiedliche Weise von Landschaft, Wahrnehmung und künstlerischen Prozessen erzählen. Während die internationale Gruppenschau „Frictions on Landscapes“ die komplexen Beziehungen zwischen Mensch und Umwelt untersucht, verwandelt Günther Kempf wenige Tage später die Galerie selbst in ein lebendiges Experiment auf Zeit.
Landschaften gelten oft als Gegenbild zur Hektik des Alltags: als Orte der Ruhe, der Schönheit und der vermeintlich unberührten Natur. Doch dieser Blick ist trügerisch. Die meisten Landschaften, die wir heute als natürlich wahrnehmen, sind über Jahrhunderte hinweg durch menschliche Eingriffe geformt worden. Landwirtschaft, Forstwirtschaft und gezielte Pflege haben ihre Erscheinung ebenso geprägt wie wirtschaftliche Interessen und gesellschaftliche Vorstellungen. Genau an diesem Spannungsfeld setzt die Ausstellung „Frictions on Landscapes“ an.

Internationale Gruppenschau „Frictions on Landscapes“: Adrina Jörg,Installation „Paranatur“ © Andrina Jörg

Internationale Gruppenschau „Frictions on Landscapes“: Adrina Jörg,Installation „Paranatur“ © Andrina Jörg

Die internationale Gruppenausstellung versammelt künstlerische Positionen aus Deutschland, Italien, Iran und der Schweiz und eröffnet einen vielschichtigen Dialog über Landschaft als Lebensraum, Ressource, Sehnsuchtsort und Projektionsfläche. Dabei wird deutlich, dass Natur nicht nur ein geografischer Raum ist, sondern auch ein kulturelles Konstrukt, das von Erwartungen, Bildern und Erzählungen geprägt wird.
Im Ausstellungsbereich des zweiten Obergeschosses dominieren analytische Perspektiven. Die Arbeiten von Caterina Rossato, Mahroo Mohavedi und Barbara Wimmer-Bulin untersuchen gesellschaftliche und ökologische Reibungen aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Ihre Werke fragen danach, wie Landschaft entsteht, wie sie wahrgenommen wird und welche politischen, sozialen und wirtschaftlichen Interessen sich in ihr einschreiben. Dabei treten Themen wie Ressourcenausbeutung, Naturschutz und die Folgen menschlicher Eingriffe ebenso hervor wie die zunehmende touristische und digitale Vermarktung von Naturbildern. Landschaft erscheint hier nicht als idyllische Kulisse, sondern als umkämpfter Raum, in dem unterschiedliche Vorstellungen und Ansprüche aufeinandertreffen.
Einen bewusst anderen Zugang eröffnet Andrina Jörg im dritten Obergeschoss. Mit ihrer Installation „Paranatur“ schafft die Schweizer Künstlerin einen atmosphärischen Erfahrungsraum, der die Grenzen zwischen Realität und Imagination verschwimmen lässt. Ihre großformatigen Arbeiten laden dazu ein, Wahrnehmungsmuster zu hinterfragen und neue Perspektiven auf die Beziehung zwischen Mensch und Umwelt zu entwickeln. Poetische Elemente verbinden sich mit kritischer Reflexion und eröffnen einen Raum für Spekulation, Staunen und Nachdenken.
Nur wenige Tage nach der Eröffnung von „Frictions on Landscapes“ folgt mit „REMIX Fools Hands / Narrenhände“ ein Projekt, das den Gedanken der Veränderung und Vergänglichkeit radikal weiterführt. Der Regensburger Künstler Günther Kempf verwandelt das erste Obergeschoss des Leeren Beutels in ein temporäres Gesamtkunstwerk. Die weißen Wände des Ausstellungsraums dienen ihm als unmittelbare Arbeitsfläche. Im Verlauf der Ausstellung entsteht ein Werk, das sich kontinuierlich entwickelt, erweitert und verändert – bis es mit dem Ende der Präsentation wieder verschwindet. Kempf, der seit mehr als drei Jahrzehnten die Kunstszene der Stadt prägt, ist als Maler, Bildhauer und Musiker bekannt. Seine unverwechselbare Bildsprache begegnet vielen Menschen nicht nur in Ausstellungen, sondern auch im öffentlichen Raum Regensburgs. Inspiriert von der Ästhetik des Comics, insbesondere der belgisch-französischen Schule, entwickelte er eine eigenständige visuelle Sprache zwischen Figuration, Symbolik und spontaner malerischer Geste.

Günther Kempf, „REMIX Fools Hans/Narrenhände”, 2026, Mischtechnik auf Papier © Günther Kempf, Foto: Bilddokumentation Stadt Regensburg

Günther Kempf, „REMIX Fools Hans/Narrenhände”, 2026, Mischtechnik auf Papier © Günther Kempf, Foto: Bilddokumentation Stadt Regensburg

Der Ausstellungstitel greift das Sprichwort „Narrenhände beschmieren Tisch und Wände“ auf und kehrt dessen Bedeutung um. Was traditionell als Regelverstoß gilt, wird hier zum kreativen Prinzip. Die Wand wird selbst zum Bildträger, der Ausstellungsraum zum Schauplatz eines offenen künstlerischen Prozesses. Kunst erscheint nicht als abgeschlossenes Objekt, sondern als Ereignis, das sich im Moment seiner Entstehung vollzieht.
Gerade in ihrer Vergänglichkeit liegt die besondere Kraft dieser Arbeit. Wie ein Konzert oder eine Performance existiert sie nur für eine begrenzte Zeit und ist untrennbar mit dem Ort verbunden, an dem sie entsteht. Sie stellt die Frage nach dem Wert des unmittelbaren Erlebens und danach, was von einem Kunstwerk bleibt, wenn seine materielle Form verschwindet. So begegnen sich in den beiden Sommerausstellungen unterschiedliche künstlerische Ansätze, die letztlich eine gemeinsame Frage verhandeln: Wie verändern wir die Räume, in denen wir leben – und wie verändern diese Räume wiederum unseren Blick auf die Welt?
Auch im Herbst bleibt der „Leere Beutel“ ein Ort großer künstlerischer Stimmen. Mit Peter Engel präsentiert die Galerie den Regensburger Kulturpreisträger 2023 – einen Künstler, dessen Arbeiten weit über die Region hinausstrahlen. Im November folgt die Kulturförderpreisträgerin 2025 Lena Schabus, deren eindrucksvolle Bildwelten gesellschaftliche Fragen mit großer visueller Kraft verhandeln.
Für Dr. Caroline Ebeling, Leiterin der Städtischen Galerie, liegt genau darin die Zukunft des Hauses. Sie sagt: „Die Städtische Galerie im Leeren Beutel ist weit mehr als ein historischer Raum, der Kunst verwahrt. Sie ist ein lebendiger, pulsierender Organismus im Herzen unserer Stadt. In einer Welt, die sich rasant verändert, stehen wir vor der spannenden Aufgabe, den Kulturort ‚Leerer Beutel‘ neu zu denken und für die Zukunft auszurichten. Dabei ist unsere Vision klar: Wir wollen Brücken bauen – zwischen Tradition und Innovation, zwischen etablierter Kunst und experimentellen Wegen.“
Und das gelingt diesem besonderen Ort auf eindrucksvolle Weise. Der „Leere Beutel“ bewahrt Geschichte nicht nur – er füllt sie immer wieder neu mit Leben.

Frictions on Landscapes
20. Juni bis 6. September 2026

REMIX Fools Hands / Narrenhände
25. Juni bis 6. September 2026

Kulturpreisträger Peter Engel
Ab 17. September 2026

 
Kulturförderpreisträgerin Lena Schabus
Ab 19. November 2026

www.regensburg.de/kultur/staedtische-galerie-im-leeren-beutel