Im ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe entfaltet die Jahresausstellung  2026 „Silver Egg. Die Sinnlichkeit der Medienkunst“ ein ebenso spekulatives wie sinnliches Gedankenlabor über die Kräfte des Begehrens in Kunst, Kultur und Technologie. Ausgehend von der mythologischen Figur des Eros, der in Philosophie und Dichtung als schöpferische Urkraft erscheint, fragt die Ausstellung nach den medialen Bedingungen von Wahrnehmung, Kreativität und Gegenwärtigkeit in einer von Technologien geprägten Welt.

Der Eros – im Mythos einst aus einem silbernen Welt-Ei geboren – steht hier nicht nur für romantische oder körperliche Liebe, sondern für eine grundlegende Energie der Verbindung. Er wird als Impuls verstanden, der Differenzen überbrückt, Übergänge erzeugt und kulturelle wie wissenschaftliche Prozesse in Bewegung setzt. „Silver Egg“ knüpft an diese erweiterte Lesart an und begreift den Eros als Prinzip einer intensiven Weltbeziehung, in der Denken, Fühlen und Wahrnehmen untrennbar miteinander verschränkt sind. Die Ausstellung setzt bewusst bei der Ambivalenz dieses Begriffs an. Denn im Verlauf der Geistesgeschichte wurde der Eros immer wieder reduziert – auf das Erotische im engen Sinn, auf Verführung oder Körperlichkeit. „Silver Egg“ widerspricht dieser Verengung und öffnet den Blick auf ein vielschichtiges Bedeutungsfeld, das von der Antike über die Philosophie der Moderne bis in die zeitgenössische Theorie reicht. Referenzen zu Platon, Karl Jaspers, Georges Bataille, Roland Barthes, Susan Sontag, Julia Kristeva, Audre Lorde oder Jean-Luc Nancy markieren ein intellektuelles Koordinatensystem, in dem Begeisterung, Erkenntnis und Sinnlichkeit nicht als Gegensätze, sondern als produktive Spannungsfelder erscheinen.

Gerhard Richter, „Moving Picture (946-3) Kyoto Version“, 2019–2024; Film von Gerhard Richter und Corinna Belz; Musik: Rebecca Saunders, Trompete: Marco Blaauw, Sounddesign: Sebastian Schottke; Montage: Rudi Heinen © Gerhard Richter und Corinna Belz

Gerhard Richter, „Moving Picture (946-3) Kyoto Version“, 2019–2024; Film von Gerhard Richter und Corinna Belz; Musik: Rebecca Saunders, Trompete: Marco Blaauw, Sounddesign: Sebastian Schottke; Montage: Rudi Heinen © Gerhard Richter und Corinna Belz

Im Zentrum steht dabei die Frage, wie Kunst heute auf die Sehnsüchte, Mängel und Ungewissheiten der Gegenwart reagiert. In einer Zeit globaler Krisen, technologischer Beschleunigung und gesellschaftlicher Fragmentierung plädiert die Ausstellung für eine bewusst sinnliche, zugleich reflektierte Haltung zur Welt. Der Eros wird so zur Denkfigur eines erweiterten Erfahrungsraums, in dem Intuition und Rationalität, Mythos und Wissenschaft, Körper und Daten nicht getrennt, sondern in Beziehung gesetzt werden. Rund fünfzig internationale künstlerische Positionen entfalten im ZKM ein weites Spektrum medialer Ausdrucksformen – von immersiven Installationen über Medienskulpturen bis hin zu filmischen und algorithmischen Arbeiten. Künstlerinnen und Künstler wie Pipilotti Rist, Ryoichi Kurokawa, Richard Mosse, Stelarc, Yunchul Kim oder robotlab untersuchen die Schnittstellen von Mensch, Maschine und Umwelt. Themen wie Robotik, Sensorik, Kinetik, Ökologie und künstliche Intelligenz werden dabei nicht als rein technologische Fragen verhandelt, sondern als ästhetische und ethische Herausforderungen.
„Silver Egg“ versteht Medienkunst als Erfahrungsraum, in dem Wahrnehmung selbst zum Material wird. Klang, Licht, Bewegung, Temperatur oder digitale Prozesse verschränken sich zu einer multisensorischen Umgebung, die Besucherinnen und Besucher nicht nur betrachtet, sondern körperlich einbezieht. Die Grenze zwischen Beobachtung und Beteiligung, zwischen Werk und Welt, beginnt zu verschwimmen.
Gerade darin liegt die zentrale These der Ausstellung: Zukunft entsteht nicht allein aus technischer Innovation, sondern aus der Fähigkeit, Möglichkeitsräume zu imaginieren. Medienkunst wird so zum Experimentierfeld für ein Denken, das nicht nur analysiert, sondern auch begehrt – nach Verbindung, Intensität und Transformation.
„Silver Egg“ lädt dazu ein, diesen Spannungsraum zu betreten: zwischen Ursprung und Zukunft, Mythos und Maschine, Idee und Erfahrung. Ein Ort, an dem der Eros nicht als Thema erscheint, sondern als Kraft, die Wahrnehmung selbst in Bewegung versetzt.
4. Juli 2026 bis 21. Februar 2027
https://zkm.de

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