Wo einst Benediktinermönche Schutz vor kriegerischen Zeiten suchten, treffen sich heute Musikerinnen, Musiker und Kulturbegeisterte aus aller Welt. Vor der beeindruckenden Kulisse der Burgruine Gallenstein und mitten im Natur- & Geopark Steirische Eisenwurzen entfaltet das Festival St. Gallen seit beinahe vier Jahrzehnten einen Kulturraum, der internationale Spitzenkunst und regionale Identität auf einzigartige Weise verbindet.

Bereits im 13. Jahrhundert erhob sich auf dem steilen Felsen über St. Gallen eine wehrhafte Burg. Sie diente den Benediktinern des Stiftes Admont als Zufluchtsort, wenn das Kloster in unsicheren Zeiten nicht mehr ausreichend geschützt war. Heute ist die Burgruine Gallenstein ein Ort der Begegnung – nicht mehr für Verteidigung und Rückzug, sondern für Musik, Kunst und kulturellen Austausch.
Wenn sich von 14. bis 30. August 2026 die Tore der historischen Anlage öffnen, beginnt eine jener Veranstaltungsreihen, die weit über die Region hinausstrahlen. Seit 39 Jahren verfolgt das Festival St. Gallen einen außergewöhnlichen Ansatz: Es gibt keinen künstlerischen Leiter. Stattdessen entstehen viele Programme im engen Austausch mit den eingeladenen Künstlerinnen und Künstlern. Proben, musikalische Begegnungen und spontane Ideen sind Teil des kreativen Prozesses und verleihen dem Festival seine besondere Atmosphäre. Getragen wird diese Philosophie vom Kulturkreis Gallenstein, dessen kleines Organisationsteam Jahr für Jahr ein Programm zusammenstellt, das Bewährtes mit Neuem verbindet. Klassische Musik trifft auf Jazz, Weltmusik, Literatur und Crossover-Projekte. Regionalität und Internationalität stehen dabei nicht im Widerspruch, sondern ergänzen einander zu einem lebendigen Kulturverständnis. Den Auftakt gestaltet der vielfach ausgezeichnete Geiger und Dirigent Emmanuel Tjeknavorian gemeinsam mit dem Pianisten Maximilian Kromer. Mit Werken von Janáček, Grieg, Beethoven und Ravel eröffnet das Violinenrecital die Festivalwochen. Wenige Tage später lädt Tjeknavorian erneut musikalische Weggefährten nach St. Gallen ein und widmet sich gemeinsam mit hochkarätigen Kammermusikpartnern Meisterwerken von Gabriel Fauré und Johannes Brahms.

Beat Furrer © Manu Theobald

Beat Furrer © Manu Theobald

Ein besonderer Schwerpunkt gilt heuer dem Komponisten Beat Furrer, einem der bedeutendsten Vertreter der zeitgenössischen Musik. Im Rahmen eines Komponistenporträts stehen Gespräche und Aufführungen seiner Werke ebenso auf dem Programm wie Musik von Mozart und Schubert. Damit spannt das Festival einen Bogen von der Wiener Klassik bis zur Gegenwart. Auch darüber hinaus zeigt sich die beeindruckende stilistische Vielfalt. Das Simply Quartet interpretiert Mozart, Mendelssohn und Wolf-Ferrari, Ars Antiqua Austria widmet sich barocker Virtuosität, während Dominik Wagner und Georg Breinschmid mit „Double Bass x two“ eindrucksvoll beweisen, welches Klanguniversum in zwei Kontrabässen steckt. Birgit Denk feiert mit ihrer Band 25 Jahre Bühnenpräsenz, „R.ock I.n P.eace“ erinnert an unvergessene Pop- und Rocklegenden, die Lungau Big Band verbindet alpine Klangwelten mit brasilianischer Leichtigkeit, und das Quartett wondrak.lindschi führt das Wienerlied auf charmante Weise in die Gegenwart.
Zu den musikalischen Höhepunkten zählt die Festivalgala in der Pfarrkirche St. Gallen mit Joseph Haydns „Die Schöpfung“. Der Arnold Schoenberg Chor musiziert erstmals gemeinsam mit dem Wiener Kammerorchester unter der Leitung von Erwin Ortner. Den festlichen Abschluss bildet Mozarts „Loretomesse“ im Hochamt am 30. August.
Was das Festival St. Gallen seit fast vier Jahrzehnten auszeichnet, ist jedoch weit mehr als ein hochkarätiges Programm. Es sind die besondere Nähe zwischen Publikum und Künstlern, die inspirierende Kraft der Landschaft und die historische Kulisse der Burg Gallenstein, die jedes Konzert zu einem intensiven Erlebnis machen. Hier verschmelzen Natur, Geschichte und Musik zu einem Gesamtkunstwerk – und genau darin liegt der unverwechselbare Zauber dieses außergewöhnlichen Festivals.
14. bis 30. August 2026
www.festivalstgallen.at

Simply Quartett © Tiberio Sorvillo

Simply Quartett © Tiberio Sorvillo