Mit der Ausstellung „Photo I Brut . Feeling Photography” – From the Bruno Decharme Collection widmet sich das FOTO ARSENAL WIEN vom 22. Mai bis 6. September 2026 einem fotografischen Feld, das lange jenseits kunsthistorischer Aufmerksamkeit existierte. Erstmals in Österreich eröffnet die Schau einen umfassenden Einblick in die sogenannte Photo Brut – fotografische Arbeiten von Autodidaktinnen, Autodidakten, Außenseiterinnen, Außenseitern und Menschen, die fernab institutioneller Kunstsysteme ihre ganz eigenen Bilduniversen geschaffen haben.

Ausgangspunkt der Ausstellung ist die international bedeutende Sammlung des französischen Filmemachers und Sammlers Bruno Decharme, der seit mehr als vier Jahrzehnten Werke aus diesem Bereich zusammenträgt. Die gezeigten Arbeiten stammen aus über zehn Nationen und vereinen mehr als vierzig höchst unterschiedliche künstlerische Positionen. Gemeinsam ist ihnen weniger ein Stil als vielmehr eine radikale Form persönlicher Bildproduktion – oft obsessiv, zutiefst individuell und losgelöst von akademischen oder marktwirtschaftlichen Erwartungen.
Die Ausstellung stellt dabei Fragen, die weit über die Fotografie hinausreichen: Was geschieht, wenn Menschen über Jahrzehnte hinweg unermüdlich fotografieren, archivieren, beschriften oder Rollen inszenieren? Wenn Fotografien nicht als Einzelbilder gedacht sind, sondern Teil eines umfassenden persönlichen Systems werden? Einige der gezeigten Künstlerinnen und Künstlern sammeln und annotieren tausende Fotografien, andere verwandeln sich immer wieder neu vor der Kamera oder erschaffen aus zerschnittenen Bildern komplexe Collagen und textile Bildkörper. Die Fotografie wird hier weniger als dokumentarisches Medium verstanden denn als Instrument emotionaler Verarbeitung, Selbstermächtigung und Identitätsbildung.
Der Begriff „Art Brut“ wurde 1948 vom französischen Künstler Jean Dubuffet geprägt und bezeichnet Kunst, die außerhalb etablierter kultureller Institutionen entsteht. Dubuffet interessierte sich insbesondere für Arbeiten von Psychiatriepatient:innen, Gefangenen oder gesellschaftlich marginalisierten Personen, deren Werke sich durch Unmittelbarkeit und eine oft verstörende Intensität auszeichnen. Während sich die Art Brut bereits seit Jahrzehnten kunsthistorisch etabliert hat, entwickelte sich der Begriff „Photo Brut“ erst ab den 2000er Jahren als eigenständige Bezeichnung für fotografische Ausdrucksformen innerhalb dieses Kontextes.

Elisabeth Van Vyve, untitled, between 1993 and 2013 © Photo | Brut, Collection Bruno Decharme

Elisabeth Van Vyve, untitled, between 1993 and 2013 © Photo | Brut, Collection Bruno Decharme

Gerade darin liegt die besondere Relevanz der Wiener Ausstellung: Sie zeigt nicht nur außergewöhnliche Bilder, sondern macht sichtbar, unter welchen sozialen, psychischen und biografischen Bedingungen diese entstanden sind. Viele der Künstler:innen lebten isoliert, wurden aufgrund psychischer Erkrankungen institutionalisiert oder bewusst aus gesellschaftlichen Zusammenhängen ausgeschlossen. Ihre Arbeiten tragen Spuren dieser Erfahrungen in sich – nicht als illustrative Dokumente, sondern als eigenständige ästhetische Systeme. Die Ausstellung vermeidet dabei voyeuristische Zugänge und richtet den Fokus stattdessen auf Fragen nach gesellschaftlichen Normen, Sichtbarkeit und künstlerischer Anerkennung.
„Photo I Brut . Feeling Photography“ versteht Fotografie somit als zutiefst menschliches Ausdrucksmittel – roh, subjektiv und existenziell. Die gezeigten Werke entziehen sich klassischen Kategorien von Kunstproduktion und eröffnen neue Perspektiven auf Kreativität, Wahrnehmung und emotionale Bildsprache. Gerade in einer Zeit permanenter digitaler Bilderfluten wirken diese oft obsessiv entwickelten fotografischen Kosmen überraschend unmittelbar und berührend.
Die Ausstellung entsteht in Kooperation mit dem Robert Capa Contemporary Photography Center in Budapest sowie der Universität Wien und wird von einem umfangreichen Begleitprogramm ergänzt.
22. Mai bis 6. September 2026
www.fotoarsenalwien.at

Tomasz Machcinski, untitled, 1988 © Photo | Brut, Collection Bruno Decharme

Tomasz Machcinski, untitled, 1988 © Photo | Brut, Collection Bruno Decharme