Die Ausstellung HERMANN NITSCH. 1960 bis 1965 im WIENER AKTIONISMUS MUSEUM widmet sich dem frühen Schaffen, das von den Schütt- und Rinnbildern zu den Reliktmontagen führt, bis hin zu Arbeiten, die noch vor Beginn der 1960er-Jahre entstehen und den Übergang vom technisch geschulten Grafiker zum expressiven Maler sichtbar machen. Hermann Nitsch entwickelt eine Bild-, Zeichen- und Handlungssprache in der Malerei, in der Körper, Material und Ritual miteinander verschmelzen. Die ausgewählten Werke zeigen, mit welcher Entschlossenheit Nitsch die Grundlagen für sein Œuvre legt und damit die Kunstgeschichte nachhaltig prägt.

„Für Nitsch eröffnet sich ein Weg zur Verwirklichung seines eigenen Anspruchs: Durch den Malprozess sollen physische und psychische Extremerfahrungen durchlebt, verdrängte Impulse freigelegt und überwunden werden, um so zu einer gesteigerten Daseinserfahrung zu gelangen. Nitsch beschüttet und bespritzt Leinwände und nennt die Arbeiten „Schüttbilder“. Er lässt Farbe vertikal herabrinnen und bezeichnet seine Resultate als ‚Rinnbilder‘.“ sagt Klaus Albrecht Schröder, Direktor des WIENER AKTIONISMUS MUSEUMS.
Um 1960 arbeitet Nitsch im Atelier des Technischen Museums Wien unter einfachen Bedingungen mit Holzfaserplatten und älteren Bildträgern. Es entstehen die ersten Rinn- und Wachsbilder. Vom Informel beeinflusst, lässt Nitsch die Farbe langsam vom oberen Bildrand nach unten rinnen. Materialität, Schwerkraft und Zeit sind dabei die formbildenden Kräfte. Nitsch arbeitet auch mit Wachs, das er in Schichten auf Bildträger gießt, es entstehen dichte, haptische Oberflächen. Diese frühen Experimente markieren den Beginn einer Malerei, bei der für Nitsch der Prozess wichtiger wird als das fertige Bild.
Ende 1960 führt Nitsch seine erste Malaktion durch. Farbe wird geschüttet, gespritzt und mit dem ganzen Körper auf die Bildfläche gebracht. Der Malvorgang steht im Zentrum: Farbe, Bewegung und Material verschmelzen zu einem performativen Ereignis. Diese Hinwendung zum Akt des Malens steht im Kontext des internationalen Action Painting, das seit den 1940er-Jahren den Entstehungsprozess des Bildes ins Zentrum rückt. Während Künstler wie Markus Prachensky mit dynamisch geschütteter, häufig intensiv roter Farbe arbeiten und Arnulf Rainer bestehende Bilder durch Übermalungen radikal transformiert, entwickelt Nitsch eine Malpraxis, bei der reale Materialien und rituelle Handlungen ins Zentrum rücken.

Hermann Nitsch, 1960 bis 1965, Ausstellungsansicht © Wiener Aktionismus Museum

Hermann Nitsch, 1960 bis 1965, Ausstellungsansicht © Wiener Aktionismus Museum

„In seinen frühen Aktionsmalereien (1960–1963) versucht Nitsch, die durch den Malprozess ausgelösten sinnlichen Erregungszustände auf Bildträgern festzuhalten. Je stärker der Malprozess selbst zum Ereignis wird, desto deutlicher erkennt Nitsch die Begrenzung der Bildfläche: Die metaphorische Bildhaftigkeit weicht der unmittelbaren Wirklichkeit. Schrittweise verlagert sich seine Praxis von der malerischen Geste zur aktionistischen Handlung.“  erklärt Julia Moebus-Puck, Kuratorin der Ausstellung und Sammlungsdirektorin, WIENER AKTIONISMUS MUSEUM.
In den frühen Arbeiten erweist sich Nitsch als Symbolist in einem grundlegenden Sinn. In seinen Reliktmontagen appliziert er Taschentücher, Pflaster und Menstruationsbinden sowie reales Blut, liturgische Geräte und Gewänder auf Leinwände. Diese Materialien werden zu komplexen Bedeutungsträgern: Sie verweisen auf Wunde, Blut, Heilung und Reinigung und verbinden körperliche Spuren mit christlicher Symbolik. So entsteht ein Bildraum, in dem Opfer, Leid und Transformation sichtbar werden. Nitschs Bildsprache entwickelt sich im gesellschaftlichen Klima des Nachkriegsösterreichs – einer Zeit, die stark von Verdrängung, Schweigen und dem Wunsch nach neuer Ordnung geprägt ist. Nitsch stellt dieser Atmosphäre eine radikale künstlerische Gegenbewegung entgegen. Seine Aktionen und Malhandlungen rufen Situationen des Exzesses hervor, die intensive körperliche und emotionale Reaktionen provozieren. Gerüche, Materialien und körperliche Berührungen werden Teil des Geschehens. Der Exzess wird zum Mittel, verdrängte Gefühle sichtbar und erfahrbar zu machen. In der Radikalität seiner Handlungen nimmt Nitsch diese unterdrückten Impulse gleichsam stellvertretend auf sich – als Künstler, der die verdrängten Affekte der Gesellschaft sichtbar macht.
„Die formale Strenge, die sich in einer Klarheit in den frühen Werken manifestiert, markiert eine entscheidende Etappe Hermann Nitschs künstlerischer Entwicklung. Sie bildet das strukturelle Fundament seines gesamten späteren Œuvres. Die frühen Malereien und Relikte zeigen, dass Nitschs Praxis von Beginn an auf Ordnung, Maß und kompositorische Kontrolle angelegt ist. Die kalkulierte Anordnung der Materialien, die exakte Vermessung der Abstände und die bewusste Reduktion der Mittel verweisen auf ein künstlerisches Denken, das weniger vom Gestus des Überschusses als von konzeptueller Stringenz geprägt ist.“
Text Julia Moebus-Puck
25. März bis 5. Juli 2026

Klaus Albrecht Schröder © Wiener Aktionismus Museum

Klaus Albrecht Schröder © Wiener Aktionismus Museum

Gottfried Helnwein im Gespräch mit Klaus Albrecht Schröder
„Meine 1960er Jahre“
Gesprächsreihe anlässlich der aktuellen Ausstellung in Kooperation mit und im Palais Coburg Residenz, Coburgbastei 4, Wien 1
8. April 2026, Eintritt frei, Beginn: 18.30 Uhr

Robert Menasse im Gespräch mit Klaus Albrecht Schröder
„Meine 1960er Jahre“
Robert Menasse (geb.1954) zählt zu den wichtigsten politischen Intellektuellen und Schriftstellern Europas. In seinen Romanen und Essays verbindet er literarische Form mit scharfer Analyse der Gegenwart – insbesondere der europäischen Idee. Sein vielfach ausgezeichneter Roman „Die Hauptstadt“ machte die Institutionen Europas erstmals zum literarischen Schauplatz. Menasse denkt Literatur als Intervention: als kritische Reflexion von Macht, Geschichte und politischer Verantwortung. Er ist eine der profiliertesten Stimmen im Diskurs über Europa, Demokratie und die Zukunft unserer Gesellschaft.
23. April 2026, Eintritt frei, Beginn: 18.30 Uhr

Michael Köhlmeier im Gespräch mit Klaus Albrecht Schröder
„Meine 1960er Jahre“
Michael Köhlmeier (geb.1949) ist einer der großen Erzähler der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Mit unverwechselbarer Stimme verbindet er Mythen, Märchen und Geschichte mit den existenziellen Fragen der Gegenwart. Seine Romane, Erzählungen und Vorträge zeichnen sich durch Klarheit und eine große erzählerische Souveränität aus. Köhlmeier ist ein Meister des Erzählens und Nacherzählens – seine Sprache ist zugleich archaisch und zeitgenössisch. Er gehört zu jenen Autoren, die Literatur als lebendige Form des Denkens und Erinnerns begreifen.
6. Mai 2026, Eintritt frei, Beginn: 18.30 Uhr

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