Als Georg Treu um 1900 die Türen des Dresdner Albertinums für die Kunst seiner Gegenwart öffnete, war das ein kulturpolitisches Wagnis. Mit Auguste Rodin kam eine neue Vorstellung von Skulptur in die Stadt: rau, unvollendet, körperlich und irritierend modern. Die Ausstellung „Das große Drama“ erzählt von einem Museumsdirektor, der sich mit seiner Vision gegen den Zeitgeschmack stellte – und davon, wie leidenschaftlich damals um die Kunst der Moderne gerungen wurde.

Eine Nase, die aussieht, als sei sie gerade erst aus einem Klumpen Erde herausgearbeitet worden. Ein menschlicher Körper, schwer und zugleich in Bewegung begriffen. Oberflächen, die das Licht nicht einfach spiegeln, sondern es förmlich festhalten. Als Auguste Rodins Skulpturen um 1900 in Dresden auftauchten, war das keine stille Angelegenheit. Sie verlangten nach einem neuen Blick – und dieser Blick musste erst gelernt werden. Dass Dresden überhaupt so früh mit Rodin in Berührung kam, ist vor allem Georg Treu zu verdanken. Der damalige Leiter der Skulpturensammlung war eigentlich Klassischer Archäologe. Doch gerade aus der Beschäftigung mit der Antike entwickelte er seinen vielleicht wichtigsten Gedanken: Ein Museum durfte nicht nur bewahren, was vergangen war. Es musste auch erkennen, was gerade erst entstand.

Auguste Rodin, der Denker, 1881-83 © Albertinum, Staatliche Kunstsammlung Dresden, Foto Werner Lieberknecht

Auguste Rodin, der Denker, 1881-83 © Albertinum, Staatliche Kunstsammlung Dresden, Foto Werner Lieberknecht

1894 erwarb Treu zwei Arbeiten Rodins: „Das Eherne Zeitalter“ und den „Mann mit gebrochener Nase“. Es waren die ersten Rodin-Skulpturen, die überhaupt von einem deutschen Museum angekauft wurden. Treu blickte dafür nicht nach Berlin oder München, sondern nach Paris, wo sich die künstlerischen Koordinaten Europas gerade verschoben. Constantin Meunier, Albert Bartholomé, Alexandre Charpentier und Emmanuel Frémiet folgten. Aus einzelnen Ankäufen entstand ein Panorama jener Kunst, die sich von akademischen Regeln löste und nach neuen Formen suchte.
Die Ausstellung „Das große Drama. Auguste Rodin und der Streit um die Moderne“ im Albertinum macht diesen historischen Moment wieder sichtbar. Rund 100 Skulpturen, Medaillen und Plaketten treffen auf Fotografien, Gemälde und handschriftliche Briefe. Es geht dabei nicht allein um Rodin als großen Einzelgänger. Vielmehr zeigt die Schau ein dichtes Netzwerk französischer und belgischer Künstler und erzählt von einer Zeit, in der Kunst zunehmend grenzüberschreitend wurde.
Rodin steht dabei wie eine Art Katalysator im Zentrum. Seine Figuren wirken nicht immer abgeschlossen – und gerade darin liegt ihre Sprengkraft. Wo die klassische Skulptur nach idealen Körpern und vollendeten Oberflächen strebte, durfte bei Rodin die Spur des Arbeitsprozesses sichtbar bleiben. Der Stein scheint sich noch im Werden zu befinden, der Gips nicht bloß Vorstufe, sondern eigenständiges künstlerisches Material zu sein.

Albert Bartholomé, Monument aux morts, 1899 © Albertinum, Skulpturensammlung ab 1800, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto Hans Peter

Albert Bartholomé, Monument aux morts, 1899 © Albertinum, Skulpturensammlung ab 1800, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto Hans Peter

Gerade dem Gips widmet die Ausstellung besondere Aufmerksamkeit. Das Material steht für eine andere Vorstellung vom Bildhauerischen: experimentell, beweglich, unmittelbar. Es geht nicht mehr nur darum, ein endgültiges Werk in Bronze oder Marmor zu überführen. Der Entwurf, das Fragment, die Veränderung und die sichtbare Hand des Künstlers gewinnen an Bedeutung. Damit gerät auch die traditionelle Idee der Skulptur als makellos abgeschlossenes Objekt ins Wanken.
Treu dürfte diese Unruhe durchaus gefallen haben. Sein Museumsverständnis war ungewöhnlich offen. Er wollte das Albertinum nicht als stilles Archiv vergangener Größe verstehen, sondern als Ort, an dem unterschiedliche Zeiten miteinander ins Gespräch kommen. Ausgerechnet ein Kenner der Antike wurde so zu einem Wegbereiter der Moderne.
Auch sein Blick auf die Antike war alles andere als konservativ. Treu erforschte die Polychromie antiker Skulpturen und stellte sich damit gegen die damals verbreitete Vorstellung einer strahlend weißen Antike. Die Erkenntnis, dass antike Statuen ursprünglich farbig gefasst waren, veränderte den Blick auf das vermeintlich zeitlose Ideal des weißen Marmors. Treu zeigte damit: Auch das, was wir für unveränderliche Tradition halten, ist eine historische Konstruktion.

Auguste Rodin, Mann mit gebrochener Nase, 1863/64 © Albertinum, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto Hans Peter Klut/Elke Estel

Auguste Rodin, Mann mit gebrochener Nase, 1863/64 © Albertinum, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto Hans Peter Klut/Elke Estel

Vielleicht liegt genau darin die Aktualität dieser Ausstellung. Denn der Streit um die Moderne ist längst Geschichte – die Mechanismen dahinter sind es nicht. Welche Kunst wird gesammelt? Was gilt als zukunftsweisend, was als Zumutung? Wann erkennt ein Museum, dass ein Werk nicht in seine Zeit, sondern vielleicht in die nächste gehört?
Das Albertinum selbst ist für diese Fragen ein idealer Schauplatz. Seine Geschichte ist von Brüchen, Erweiterungen und Neuanfängen geprägt. Die Dresdner Sammlungen wurden im 19. Jahrhundert nach einer Museumsreform aus dem unmittelbaren Besitz des sächsischen Königshauses gelöst. Die Sammlung öffnete sich einem bürgerlichen Publikum und damit auch neuen Vorstellungen davon, was Kunst sein konnte. Später folgten Verluste durch die nationalsozialistische Aktion „Entartete Kunst“, die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs und schließlich die Neuordnung des Hauses.
Heute begegnen sich im Albertinum Kunstwerke aus ganz unterschiedlichen Epochen in unmittelbarer Nachbarschaft. Romantik trifft Moderne, Skulptur trifft Malerei, historische Werke treffen zeitgenössische Positionen. Was zu Treus Zeiten als gewagter Bruch erscheinen musste, ist inzwischen Teil der DNA des Hauses. Und doch lohnt es sich, den damaligen Mut nicht zu unterschätzen. Treu kaufte Rodin nicht, weil dessen Bedeutung bereits festgeschrieben gewesen wäre. Er kaufte ihn, weil er an eine Kunst glaubte, deren Bedeutung sich erst noch erweisen musste. Darin steckt vielleicht das eigentliche Drama dieser Ausstellung: Moderne entsteht nicht erst dann, wenn sie als solche anerkannt ist. Sie entsteht im Moment des Risikos – wenn jemand bereit ist, das Ungewohnte nicht vorschnell abzulehnen, sondern ihm einen Platz einzuräumen.
In dieser spannenden Sonderausstellung lässt sich im Albertinum nachvollziehen, wie aus diesem Risiko ein Stück Museumsgeschichte wurde. Und wer heute vor Rodins rauen, offenen, manchmal geradezu körperlich aufgeladenen Figuren steht, sieht vielleicht nicht nur den Aufbruch um 1900. Sondern erkennt darin eine zeitlose Frage: Wie viel Unruhe muss Kunst auslösen, damit sie wirklich neu sein kann?
31. Oktober 2026 bis 22. August 2027
https://skulpturensammlung.skd.museum