„Die Blauen Reiterinnen“ ist ein gemeinsames Projekt des Städtischen Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, des Museum Wiesbaden, des Paula Modersohn-Becker Museums Bremen und der Fondazione Marianne Werefkin in Ascona. Den Auftakt macht Wiesbaden vom 23. Oktober 2026 bis 21. Februar 2027. Das Museum beschäftigt sich seit Jahrzehnten intensiv mit Marianne von Werefkin und besitzt mit Alexej von Jawlensky einen wichtigen Bezug zur Kunst des Blauen Reiter.
Sie malten, schrieben, organisierten Ausstellungen, pflegten internationale Kontakte und schufen Netzwerke, ohne die der legendäre „Blaue Reiter“ kaum denkbar gewesen wäre. Doch während die Namen Wassily Kandinsky und Franz Marc längst zum Kanon der Moderne gehören, gerieten viele ihrer Weggefährtinnen in Vergessenheit.
Das internationale Ausstellungsprojekt „Die Blauen Reiterinnen“ holt zwölf dieser Künstlerinnen ins Zentrum: Gabriele Münter, Marianne von Werefkin, Maria Franck-Marc, Erma Bossi, Sonia Delaunay-Terk, Emmi Dresler, Elisabeth Epstein, Elisabeth Erdmann-Macke, Natalja Gontscharowa, Else Lasker-Schüler, Olga Meerson und Carla Pohle. Ihre Geschichten führen von München nach Paris und Moskau, von den Aufbruchsjahren vor dem Ersten Weltkrieg bis ins Exil und in die Weimarer Republik. Es ist die Geschichte einer Kunstbewegung – neu erzählt aus der Perspektive ihrer Frauen.

Marianne von Werefkin, Der Tänzer Sacharoff / The Dancer Saccharoff, 1990, Fondazione Marianne Werefkin, Museo comunale d’arte moderna, Ascona
Heute ist der Blaue Reiter vor allem mit Namen wie Wassily Kandinsky, Franz Marc, August Macke, Paul Klee oder Alexej von Jawlensky verbunden. Doch zum Münchner Netzwerk gehörten ebenso Frauen, die malten, ausstellten, Kontakte vermittelten, diskutierten und neue Wege suchten. „Die Blauen Reiterinnen“ nimmt diese Künstlerinnen aus dem Hintergrund und erzählt die Geschichte der Moderne aus einer erweiterten Perspektive.
Um 1900 war München ein Magnet für junge Menschen, die Kunst machen wollten. Für Frauen allerdings waren die Wege in eine professionelle Künstlerlaufbahn deutlich schwieriger. Der Zugang zu den staatlichen Kunstakademien blieb ihnen lange verwehrt. Frauen mussten eigene Ausbildungswege finden und gründeten dafür unter anderem private Kunstschulen und Akademien.
Gabriele Münter kam mit großer Energie in die Stadt. „Ab nach München“ lautete ihr begeisterter Aufbruch. Sie wollte Künstlerin werden – und zwar aus eigener Überzeugung. Ihre Beziehung zu Kandinsky prägte zwar ihr Leben und ihre Arbeit, doch Münter entwickelte früh eine unverwechselbare eigene Bildsprache. Ihre Landschaften, Stillleben und Interieurs zeigen, wie konsequent sie Farbe und Form von der unmittelbaren Wirklichkeit löste.
Eine zentrale Figur dieses Netzwerks war Marianne von Werefkin. In ihrem Münchner „Rosa Salon“ trafen sich Künstlerinnen und Künstler, Schriftsteller, Musiker und Intellektuelle. Hier wurde diskutiert, gestritten und über Kunst ebenso gesprochen wie über gesellschaftliche Fragen. Werefkin war dabei weit mehr als Gastgeberin. Sie war eine eigenständige Künstlerin und eine wichtige intellektuelle Kraft des Kreises. Ihr Salon wurde zu einem Ort, an dem Ideen entstehen und Kontakte geknüpft werden konnten. Kunst war in diesem Umfeld immer auch eine Frage des Austauschs – und der gegenseitigen Ermutigung.
Der Blaue Reiter war von Anfang an internationaler, als sein Münchner Name vermuten lässt. Elisabeth Epstein etwa pflegte Kontakte weit über Deutschland hinaus. Über sie und andere Verbindungen gelangten neue Impulse der französischen Avantgarde nach München. Die Begegnungen mit Robert und Sonia Delaunay-Terk öffneten den Blick auf eine Kunst, in der Farbe selbst zum eigenständigen Ausdrucksmittel werden konnte.
Auch Natalia Gontscharowa steht für diese internationale Dimension. Verbindungen nach Russland und Frankreich machten sichtbar, wie eng die künstlerischen Aufbrüche jener Jahre miteinander verbunden waren. München, Paris und Moskau waren keine voneinander getrennten Kunstwelten. Ideen, Bilder, Briefe und Menschen bewegten sich zwischen ihnen.

Sonia Delaunay, Philomena, 1907. Credit: Centre Pompidou, Mnam/Cci, Paris, © und Foto: Pracusa S.A. 20260417
Zwölf Künstlerinnen, zwölf Wege
Im Mittelpunkt des Projekts stehen zwölf Frauen: Erma Bossi, Sonia Delaunay-Terk, Emmi Dresler, Elisabeth Epstein, Elisabeth Erdmann-Macke, Natalia Gontscharowa, Else Lasker-Schüler, Maria Franck-Marc, Olga Meerson, Gabriele Münter, Carla Pohle und Marianne von Werefkin.
Ihre Lebenswege könnten unterschiedlicher kaum sein. Einige standen unmittelbar im Zentrum des Münchner Kunstgeschehens, andere bewegten sich an seinen Rändern. Manche waren eng mit den bekannten Künstlern des Blauen Reiter verbunden, andere entwickelten ihre eigenen Netzwerke. Gerade diese Unterschiede machen sichtbar, wie vielfältig die Szene tatsächlich war.
Was diese Frauen künstlerisch verband, war die Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten. Farbe musste nicht länger einfach wiedergeben, was das Auge sah. Formen konnten vereinfacht, verändert oder aufgelöst werden. Ein Bild durfte eine persönliche Wahrnehmung, eine Stimmung oder eine innere Erfahrung sichtbar machen.
Die Künstlerinnen beschäftigten sich mit Landschaft und Natur, mit Spiritualität und menschlicher Existenz, aber auch mit gesellschaftlichen Realitäten. Carla Pohles Grafiken etwa erzählen von Armut, sozialen Gegensätzen und Krieg. Andere Werke wirken auf den ersten Blick stiller – und sind doch Ausdruck eines selbstbewussten Aufbruchs.
Kunst und ein anderes Leben
Wer als Frau um 1910 eine eigenständige Künstlerinnenexistenz anstrebte, musste sich gegen Vorstellungen behaupten, die Frauen vor allem andere Rollen zugestanden. Die Künstlerinnen des Blauen Reiter fanden dafür unterschiedliche Strategien: Sie suchten Öffentlichkeit, gründeten und organisierten, stellten aus, reisten, pflegten Kontakte und unterstützten einander. Gabriele Münter bemühte sich beispielsweise gezielt um Ausstellungsmöglichkeiten und präsentierte ihre Arbeiten unter anderem in der Berliner Galerie Der Sturm. Marianne von Werefkin baute mit ihrem Salon ein weitreichendes kulturelles Netzwerk auf. Andere Frauen arbeiteten im Hintergrund, vermittelten Kontakte oder ermöglichten durch finanzielle und organisatorische Unterstützung künstlerische Projekte. Dass viele von ihnen später dennoch aus dem Blick gerieten, macht das Projekt besonders relevant.

Natalia Gontscharowa, Die Badenden, um 1910, Museum Wiesbaden, erworben mit Unterstützung der Hessischen Kulturstiftung, Verein zur Förderung der bildenden Kunst in Wiesbaden e.V. sowie der Landeshauptstadt Wiesbaden
„Großes Kino“
Iris Berben, Schirmherrin des Ausstellungsprojekts an den drei deutschen Stationen, kennt die Erfahrung, sich in einem von Männern geprägten Umfeld behaupten zu müssen, aus ihrer eigenen beruflichen Biografie. Ihre persönliche Perspektive verbindet sie mit dem Anliegen der Ausstellung.
„Ich weiß sehr genau, was es bedeutet, sich als junge Künstlerin in einem männerdominierten Umfeld zu bewegen und sich dort durchzusetzen“, sagt Berben. „Deshalb habe ich keinen Moment gezögert, die Schirmherrschaft für dieses Augen öffnende Ausstellungsprojekt zu übernehmen.“ Dass die Künstlerinnen trotz ihrer Leistungen später vielfach in Vergessenheit gerieten, empfindet sie als besonders bemerkenswert. Und sie findet dafür ein bewusst modernes Bild: Für Berben ist es „großes Kino“, endlich sehen zu können, „was sie gegen viele Widerstände geschaffen haben“.
Zwischen Freundschaft und Konkurrenz
Die Geschichte dieser Frauen lässt sich dabei nicht auf ein einfaches Gegenüber von Männern und Frauen reduzieren. Sie waren Freundinnen und Konkurrentinnen, Unterstützerinnen und eigenständige Persönlichkeiten. Einige arbeiteten gemeinsam, andere gingen bewusst eigene Wege. Gerade diese Mischung macht den Blick auf den Blauen Reiter lebendig. Es ging um Nähe und Distanz, um gegenseitige Inspiration, aber auch um die Frage, wer gesehen wurde – und wer nicht.
„Die Blauen Reiterinnen“ erzählt keine Geschichte, in der bekannte Namen einfach durch andere ersetzt werden. Vielmehr erweitert sie das Bild einer Epoche, die schon immer von Austausch, Begegnung und unterschiedlichen künstlerischen Stimmen geprägt war.
Die zwölf Frauen machen sichtbar, wie Kunstgeschichte entsteht: durch Werke, aber ebenso durch Freundschaften, Briefe, Reisen, Ausstellungen und Netzwerke. Sie zeigen eine Moderne, die international vernetzt war und in der Frauen längst eine zentrale Rolle spielten. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Entdeckung dieser Ausstellung: Der Blaue Reiter wird nicht neu erfunden. Er wird größer.

Elisabeth Epstein, Selbstporträt / Self-Portrait, 1911, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München / Lenbachhaus Munich, im Andenken an Jerome Pustilnik / in memory of Jerome Pustilnik, New York City
Vier Stationen, ein neuer Blick
„Die Blauen Reiterinnen“ ist ein gemeinsames Projekt des Städtischen Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, des Museum Wiesbaden, des Paula Modersohn-Becker Museums Bremen und der Fondazione Marianne Werefkin in Ascona.
Den Auftakt macht Wiesbaden vom 23. Oktober 2026 bis 21. Februar 2027. Das Museum beschäftigt sich seit Jahrzehnten intensiv mit Marianne von Werefkin und besitzt mit Alexej von Jawlensky einen wichtigen Bezug zur Kunst des Blauen Reiter.
In Bremen folgt die Ausstellung vom 13. März bis 29. August 2027. Das Paula Modersohn-Becker Museum, das als weltweit erstes Museum einer Malerin gewidmet wurde, stellt die Künstlerinnen des Blauen Reiter auch in Beziehung zu Paula Modersohn-Becker.
In München ist die Ausstellung vom 12. Oktober 2027 bis 23. April 2028 zu sehen. Hier, im Lenbachhaus mit seiner weltweit bedeutenden Sammlung zum Blauen Reiter, schließt sich ein besonderer Kreis: Die Ausstellung fällt in die Feierlichkeiten zum 150. Geburtstag Gabriele Münters und in das von der UNESCO ausgerufene Münter-Gedenkjahr 2027. Die letzte Station führt nach Ascona zur Fondazione Marianne Werefkin.
https://museum-wiesbaden.de
www.museen-boettcherstrasse.de
www.lenbachhaus.de
www.museoascona.ch

