Ein Wohnzimmer, das zu klein ist für jedes Wort. Ein Zimmer, das nur existiert, weil jemand nicht da ist. Eine Bar, in der für einen kurzen Moment alles leicht erscheint. In „Trennt euch!“, der neuen Musiktheater-Uraufführung von Theater Orchester Biel Solothurn (TOBS!), werden Räume zu Zuständen – zu Orten von Nähe, Sehnsucht, Sprachlosigkeit und Konflikten.

Der provokante Titel stammt vom Zürcher Autor Thomas Meyer, der bereits 2017 mit seiner Auseinandersetzung über die Notwendigkeit von Ehrlichkeit und Trennung für Aufmerksamkeit sorgte. Nun hat Meyer sein eigenes Libretto für die Bühne entwickelt. Die Musik stammt vom Berner Komponisten Christian Henking, einem der profiliertesten und vielseitigsten zeitgenössischen Schweizer Komponisten. Seine Partitur verbindet klangliche Kraft mit einer fein differenzierten, oft kammermusikalischen Sprache und macht die psychologischen Spannungen der Figuren hörbar.

Christian Henking, 2021, beim Interview mit dem Glarean-Magazin © Glarean-Magazin

Christian Henking, 2021, beim Interview mit dem Glarean-Magazin © Glarean-Magazin

Im Zentrum steht eine Familie, die längst aufgehört hat, miteinander zu leben – und doch noch gemeinsam unter einem Dach wohnt. Vater, Mutter und die 16-jährige Tochter stecken in einem engen, erstickenden Alltag fest. Die Mutter sucht heimlich die Nähe eines anderen Mannes, während sich die Tochter immer weiter in Schweigen und Tagträume zurückzieht. Der Vater ahnt zunächst nichts von dem Doppelleben seiner Frau. Erst als ihr Betrug ans Licht kommt, gerät das fragile Gefüge endgültig ins Wanken.
Ein weiterer Schauplatz ist eine Bar. Hier treffen die Vertraute der Mutter, Claire, und ein Barkeeper aufeinander. Nach und nach finden auch die Familienmitglieder ihren Weg dorthin. Was zunächst wie ein Ort des Entkommens wirkt, wird zunehmend zu einem Raum, in dem Verdrängtes sichtbar und Unausgesprochenes ausgesprochen wird.
„Trennt euch!” stellt dabei eine unbequeme Frage: Wann ist es ehrlicher, eine Beziehung zu beenden, als an ihr festzuhalten? Das Stück erzählt nicht einfach von Ehebruch und Familienkonflikten. Es geht um die Angst vor Veränderung, um die Sehnsucht nach einem anderen Leben und um die Schwierigkeit, ehrlich zu sich selbst und zu anderen zu sein.

Thomas Meyer, Foto: Lukas Lienhard / © Diogenes Verlag

Thomas Meyer, Foto: Lukas Lienhard / © Diogenes Verlag

Die musikalische Leitung dieser Schweizer Uraufführung übernimmt Joséphine Korda, während Deborah Epstein, die am Haus bereits zahlreiche Arbeiten im Schauspiel- und Musiktheater realisiert hat, die Inszenierung verantwortet. Auf der Bühne stehen Marion Grange, Wolfgang Resch, Conor Prendiville, Anna Beatriz Gomes, Josy Santos und Konstantin Nazlamov. Das Bühnenbild von Florian Barth schafft die visuellen Räume für eine Geschichte, in der Nähe und Rückzug, Verlangen und Verletzlichkeit ständig neu verhandelt werden.
Premiere Biel: 23. Oktober 2026
Folgetermine: 25. und 27. Oktober 2026, 15. und 20. Januar 2027
Premiere Solothurn: 5. November 2026
Folgetermine: 27. November 2026, 27. und 29. Januar 2027
www.tobs.ch

Joséphine Korda © Priska Ketterer

Joséphine Korda © Priska Ketterer