Sie war Bildhauerin, Malerin, Grafikerin, Bühnenbildnerin, Schauspielerin und Theoretikerin – und eine überzeugte Verfechterin künstlerischer und körperlicher Selbstbestimmung. Dennoch ist Maria Jarema außerhalb Polens bis heute kaum bekannt. Das Lenbachhaus München widmet der bedeutenden Vertreterin der polnischen Moderne nun erstmals in Deutschland eine umfassende monografische Ausstellung. Ihr Werk erzählt von einer Kunst, die politisch dachte, ohne politische Botschaften abzubilden – und die in Rhythmus, Bewegung und Abstraktion eine eigene Form der Freiheit fand.
Maria Jarema ließ sich nur schwer auf eine einzige Rolle festlegen. Sie malte, modellierte, experimentierte mit Drucktechniken, entwarf Kostüme und Bühnenbilder und stand selbst auf der Bühne. Sie schrieb über Kunst, formulierte Manifeste und setzte sich für das Recht von Frauen auf uneingeschränkte körperliche und kreative Selbstbestimmung ein. Ihre Kunst war ebenso vielseitig wie ihr Denken.
Ihr Lebensmittelpunkt war Krakau. Dort gründete sie 1932 gemeinsam mit befreundeten Studierenden die Krakauer Gruppe, die sich gegen die nationalistischen Tendenzen an der Kunstakademie wandte. Das Umfeld der Gruppe stand der verbotenen Kommunistischen Partei nahe und wurde zu einem wichtigen geistigen und künstlerischen Netzwerk der polnischen Zwischenkriegs- und Nachkriegsgeneration.
Auch während der deutschen Besatzung blieb Jarema in Krakau. Ihre politische Haltung und ihr kommunistisches, zugleich entschieden anti-stalinistisches Umfeld machten diese Jahre zu einer existenziellen Bedrohung. Dennoch blieb die Verbindung von Kunst und gesellschaftlicher Veränderung für sie zentral.
Bemerkenswert ist, dass Jarema Kunst nicht als unmittelbares politisches Instrument verstand. Ihre Überzeugung war radikaler: Kunst selbst konnte revolutionär sein, weil sie Wahrnehmung verändert und damit auch das Denken. Während längerer Aufenthalte in Paris 1938 und 1948 begegnete sie dem Surrealismus und fand dort eine künstlerische Haltung wieder, die ihrer eigenen Suche nahekam.

Maria Jarema, Dwie siostry (Zwei Schwestern) / Dwie siostry (Two Sisters), 1954, Nationalmuseum in Warschau (Muzeum Narodowe w Warszawie), © Rechtsnachfolge der Künstlerin / © Estate of the artist
Jaremas Kunst ist abstrakt – aber keineswegs kalt oder statisch. Ihre Formen scheinen miteinander zu kommunizieren, sich zu berühren, zu überschneiden und wieder auseinanderzutreten. Schon die Titel ihrer Werkserien geben die Richtung vor: „Rhythmus“, „Zeichen“, „Durchdringung“, „Filter“. Es geht um Bewegung und Beziehung, um Kräfte, die aufeinanderstoßen und dadurch etwas Neues entstehen lassen.
Ein wesentlicher Schlüssel zu diesem Denken liegt im Theater. Bereits in den 1930er Jahren arbeitete Jarema gemeinsam mit ihrem Bruder Józef in der experimentellen Theatergruppe Cricot. In den 1950er Jahren war sie an der Gründung von Cricot 2 beteiligt, gemeinsam mit Jonasz Stern und dem Regisseur Tadeusz Kantor. Die Bühne wurde für sie zu einem Labor, in dem Körper, Sprache, Bewegung und Rhythmus miteinander verschmolzen.
Diese Erfahrungen übertrug Jarema auf die Bildfläche. Ihre Skulpturen und Gemälde wirken wie eingefrorene Bewegungen, ihre Kompositionen wie Bühnen, auf denen Formen aufeinandertreffen. Die Begegnung zweier Elemente war für sie eine Art „Anekdote“ – eine kleine Geschichte mit Folgen. Die Bildfläche wurde zum Ort der Konfrontation, deren Konsequenzen über das Kunstwerk hinausreichen konnten.

Maria Jarema, Torreador / Toreador, 1943, Muzeum Sztuki, Łodz, © Rechtsnachfolge der Künstlerin / © Estate of the artist
Gerade darin liegt die außergewöhnliche Modernität ihres Werks. Jarema suchte keine dekorative Abstraktion. Sie wollte mit Formen etwas in Bewegung bringen – im Bild ebenso wie im Kopf des Betrachters.
In Krakau ist sie heute längst Teil des öffentlichen Gedächtnisses. Zwei von ihr entworfene Denkmäler stehen im Stadtraum, eine Straße trägt ihren Namen, und eines ihrer abstrakten Werke wurde monumental auf die Fassade eines Wohnblocks übertragen. Jüngere Künstlerinnen und Künstler beziehen sich immer wieder auf ihr Werk.
Das Lenbachhaus holt diese außergewöhnliche Persönlichkeit nun nach München. Die Ausstellung versammelt Arbeiten aus allen Phasen ihres kurzen, intensiven Lebens: Gemälde, Monotypien, Skulpturen und Kostüme. So entsteht erstmals in Deutschland ein umfassendes Bild einer Künstlerin, deren Werk zwischen Avantgarde, Theater, Politik und Abstraktion eine ganz eigene Sprache entwickelt.
Maria Jarema starb 1958 im Alter von nur 50 Jahren. Ihr Werk aber wirkt erstaunlich gegenwärtig. Vielleicht, weil ihre Revolution nicht in Parolen stattfand, sondern in Formen. Sie wollte die Welt nicht einfach abbilden. Sie wollte die Wahrnehmung verändern – und damit die Möglichkeit eröffnen, die Welt neu zu denken.
27. Oktober 2026 bis 25. April 2027
www.lenbachhaus.de

Maria Jarema, Garderobiany (Garderobier) / Garderobiany (Wardrobe Attendant), 1942, Nationalmuseum in Warschau (Muzeum Narodowe w Warszawie), © Rechtsnachfolge der Künstlerin / © Estate of the artist

