Was ist eigentlich wirklich? Diese scheinbar einfache Frage steht im Zentrum der 65. Spielzeit der Komödienspiele Porcia und erweist sich bei näherer Betrachtung als erstaunlich aktuell. In einer Zeit, in der künstliche Intelligenz Bilder erzeugt, soziale Medien Wahrheiten vervielfachen und „alternative Fakten“ politische Debatten prägen, widmet sich das Ensemble Porcia auf Schloss Porcia einem Thema, das die Menschen seit jeher beschäftigt: der Suche nach Wirklichkeit.

Von 3. Juli bis 23. August 2026 verwandelt sich das Renaissance-Schloss in Spittal an der Drau erneut in eine Bühne für intelligente, unterhaltsame und gesellschaftlich relevante Komödien. Dabei beweist das traditionsreiche Festival einmal mehr, dass Komödie weit mehr sein kann als bloße Unterhaltung. Seit der Gründung durch Herbert Wochinz im Jahr 1961 versteht sich Porcia als Ort, an dem die großen Fragen des Lebens mit Witz, Scharfsinn und kritischer Beobachtung verhandelt werden. Passend zum Jubiläum kehrt ein Stück auf den Spielplan zurück, das bereits bei der ersten Saison der Komödienspiele zu sehen war: Georges Feydeaus turbulente Verwechslungskomödie „Der Gefoppte“ in der legendären Bearbeitung von H. C. Artmann und Herbert Wochinz. Hier geraten Liebe, Eifersucht und gesellschaftliche Konventionen in ein rasantes Karussell aus Missverständnissen und Lügen. Was als harmloser Flirt beginnt, entwickelt sich zu einem furiosen Spiel um Wahrheit und Täuschung, in dem niemand mehr genau weiß, was echt ist und was nur gespielt wird.

Der Gefoppte © Johanna Lamprecht

„Der Gefoppte” © Johanna Lamprecht

Auch die weiteren Produktionen kreisen auf unterschiedliche Weise um das Verhältnis von Wahrnehmung und Wirklichkeit. Die österreichische Erstaufführung von „Die Bremer Stadtmusikanten“ in der Fassung von Annalena Küspert erzählt das bekannte Märchen neu und macht aus den tierischen Helden moderne Außenseiter, die ihren Platz in der Welt suchen. Mit Humor, Musik und viel Herz entsteht eine Geschichte über Mut, Zusammenhalt und die Kraft der Freundschaft.
Schwarzen Humor und kriminalistische Verwirrspiele verspricht „Halbpension mit Leiche“ des Autorenkollektivs Die Acht rund um die Erfolgsautorin Tatjana Kruse. Eine Gruppe ehemaliger Gewalttäter eröffnet eine Frühstückspension – und schon am Eröffnungstag liegt eine Leiche in der Lobby. Zwischen Psychotherapie, veganem Käsekuchen und Mordermittlungen entspinnt sich ein herrlich absurdes Rätselspiel, das die Frage nach Schuld und Wahrheit genüsslich auf die Spitze treibt.
Zu den emotionalen Höhepunkten der Saison zählt zweifellos „Honig im Kopf“, die Bühnenfassung des gleichnamigen Kinoerfolgs von Hilly Martinek und Til Schweiger. Die Geschichte von Amandus und seiner Enkelin Tilda erzählt mit großer Wärme vom Vergessen, Erinnern und der Kraft familiärer Verbundenheit. Die Demenzerkrankung des Großvaters verändert seine Wahrnehmung der Welt – und eröffnet zugleich einen berührenden Blick auf jene Wahrheiten, die tiefer reichen als das Gedächtnis.
Mit der Uraufführung von „Doppelt gemoppelt“ präsentiert Porcia zudem das Gewinnerstück des Österreichischen Komödienpreises Porcia 2025. Der Tiroler Autor Manfred Schild nimmt darin den Optimierungsdruck der Gegenwart aufs Korn. Als ein Mann plötzlich feststellen muss, dass ein Fremder sein Leben übernommen zu haben scheint, gerät seine gesamte Realität ins Wanken. Eine bissige Satire über Identität, Anpassung und die Frage, wie viel Individualität in unserer modernen Gesellschaft überhaupt noch Platz hat.

Halbpension mit Leiche © Johanna Lamprecht

Halbpension mit Leiche © Johanna Lamprecht

Dass die Komödienspiele Porcia ihre Tradition zugleich bewahren und weiterentwickeln, zeigt auch das festliche Jubiläumskonzert am 23. August. Es erinnert an den Gründer Herbert Wochinz, dessen 100. Geburtstag ebenso gefeiert wird wie der 105. Geburtstag seines langjährigen Weggefährten H. C. Artmann. Mit der Sängerin Christine Rainer und dem Multiinstrumentalisten Tobias Kochseder stehen dabei zwei vielseitige Künstlerpersönlichkeiten auf der Bühne, die Vergangenheit und Gegenwart musikalisch miteinander verbinden.
So präsentiert sich die Jubiläumssaison der Komödienspiele Porcia als ebenso unterhaltsame wie kluge Auseinandersetzung mit unserer Gegenwart. Zwischen Komik und Melancholie, Märchen und Kriminalfall, Erinnerung und Täuschung wird die Bühne zum Labor der Wirklichkeit. Und vielleicht liegt gerade darin die besondere Stärke des Theaters: Nicht fertige Antworten zu geben, sondern Fragen zu stellen, die weit über den Vorhang hinausreichen.
3. Juli bis 23. August 2026
www.ensemble-porcia.at