Wenn im August Theater, Tanz, Musik und Diskurs aufeinandertreffen, verwandelt sich das niederösterreichische Litschau wieder in ein vibrierendes Labor für zeitgenössische Bühnenkunst. Das Theaterfestival HIN & WEG widmet sich 2026 einem großen Spannungsfeld: „Schuld und Schönheit“.

Es gibt Orte, die wirken im Sommer plötzlich wie verwandelt. Litschau im Waldviertel gehört dazu. Rund um den Herrensee entsteht jedes Jahr für zehn Tage ein Kosmos aus Theater, Musik, Gesprächen und Begegnungen. Vom 7. bis 16. August 2026 lädt das Theaterfestival HIN & WEG bereits zum neunten Mal zu seinen „Tagen für zeitgenössische Theaterunterhaltung“ – und setzt dabei erneut auf künstlerische Vielfalt, ungewöhnliche Spielorte und gesellschaftliche Reibungsflächen. Das heurige Motto lautet „Schuld und Schönheit“. Eine bewusste Verschiebung jener literarischen Assoziation, die sofort Dostojewskis „Schuld und Sühne“ aufruft. Statt Sühne tritt Schönheit ins Zentrum – als Gegenpol, als Sehnsuchtsort, vielleicht auch als Möglichkeit der Versöhnung. Zwischen diesen beiden Begriffen entfaltet das Festival heuer sein vielschichtiges Programm mit rund 120 Veranstaltungen: Theaterproduktionen, Uraufführungen, Tanzperformances, Lesungen, Hörspiele, Diskussionen und Konzerte bespielen das Herrenseetheater, das Theaterhaus MOMENT, den historischen BRAUHAUSstadl sowie Natur- und Stadträume rund um Litschau.

Young, beautiful and forever © Michaela Karásková Čejková

Young, beautiful and forever © Michaela Karásková Čejková

Gerade der zeitgenössische Tanz rückt diesmal besonders stark in den Fokus. Bereits die Eröffnung verspricht einen kraftvollen Auftakt: Mit „Young, beautiful and forever“ bringt das Südböhmische Theater Budweis eine Tanzperformance erstmals nach Österreich, die sich mit jugendlichen Schönheitsbildern und permanentem Wandel auseinandersetzt. Körper, Bewegung und gesellschaftliche Projektionen verschmelzen dabei zu einem intensiven Bild unserer Gegenwart.
Auch Produktionen wie „Superbodies“ oder „Wo ist Walzer“ kreisen um Fragen von Identität, Körperbildern und Heimat. Besonders poetisch nähert sich „Tanz der Zilien“ von Ilona und Doris Roth dem Unsichtbaren: Hier trifft zeitgenössischer Tanz auf wissenschaftliche Forschung und macht das pulsierende Eigenleben menschlicher Zellen sichtbar.
Überhaupt liebt HIN & WEG die Grenzüberschreitung zwischen Kunstformen, Generationen und Perspektiven. Das beamen ensemble ist heuer gleich mit zwei Uraufführungen vertreten, während junge Talente renommierter Hochschulen aus Wien, Berlin und Linz frische theatrale Zugänge nach Litschau bringen. Studierende des Max Reinhardt-Seminars, der Hochschule Ernst Busch oder der Musik und Kunst Privatuniversität Wien verwandeln das Festival erneut in ein lebendiges Theaterlabor.
Dabei bleibt HIN & WEG stets offen für große Stoffe der Literaturgeschichte. Goethe, Shakespeare oder Mary Shelley tauchen in neuen, überraschenden Lesarten auf. In „Frankenstein 2.0“ wird der berühmte Stoff als intensives Live-Hörspiel neu erzählt, während „Rosenkranz & Güldenstern sind tot“ den Hamlet-Kosmos aus Sicht der Nebenfiguren betrachtet. Klassiker werden hier nicht museal verwaltet, sondern lustvoll zerlegt, hinterfragt und neu zusammengesetzt. Auch das Musiktheater setzt starke Akzente. Mercedes Echerer bringt mit „Arrivederci Roma“ eine politische Geschichte rund um eine Roma-Figur auf die Bühne, während Produktionen wie „Zur Rettung der Blasmusik“ zwischen Ironie, Musikperformance und Gesellschaftskommentar oszillieren.
Doch HIN & WEG ist weit mehr als ein dichtes Festivalprogramm. Es ist eine besondere Atmosphäre. Zwischen Strandbad, Wald, Theaterhaus und Herrensee entsteht jedes Jahr ein Raum der Begegnung, in dem Kunst und Alltag ineinanderfließen. Morgens diskutieren Gäste bei den Matineen über Schuldgefühle, Schönheit oder gesellschaftliche Verantwortung, abends enden die Festivaltage bei Konzerten im Glasfoyer.
Kuratiert von Sigrid Horn sorgen Musikerinnen und Musiker wie Die Nowak, Blonder Engel oder Flora Geißelbrecht für jene melancholisch-poetische Stimmung, die perfekt zum Waldviertler Sommer passt.
Vielleicht liegt genau darin das Geheimnis von HIN & WEG: Das Festival schafft es, große Themen mit Leichtigkeit zu verbinden. Hier treffen Natur auf Kunst, Intellekt auf Humor, junge Experimente auf erfahrene Stimmen. Zwischen Schuld und Schönheit entsteht so ein Ort, an dem Theater nicht nur aufgeführt, sondern gemeinsam erlebt wird.
7. bis 16. August 2026
https://hinundweg.jetzt

Blonder Engel © Volker-Weihbold

Blonder Engel © Volker-Weihbold