Leipzig ist eine Stadt, in der Musik Geschichte nicht nur erzählt, sondern in den Mauern, Sälen und Häusern noch immer gegenwärtig ist. Das Kammermusikfestival CON SPIRITO folgt diesen Spuren und bringt internationale Spitzenmusiker:innen an jene Orte, an denen Bach, Mendelssohn, Schumann, Grieg und Wagner wirkten. 2026 richtet das Festival den Blick auf ein lange zu wenig beachtetes Kapitel: die jüdischen Prägungen, Begegnungen und Freundschaften der Leipziger Romantik.

Hier die Thomaskirche, dort die Nikolaikirche. Das Bach-Archiv, das Mendelssohn-Haus, das Schumann-Haus, das Gewandhaus. Dazwischen Straßen und Plätze, die Namen tragen, die längst zu Synonymen europäischer Musikgeschichte geworden sind. Bach, Mendelssohn, Schumann, Wagner, Grieg – sie alle haben ihre Spuren hinterlassen. Doch eine Partitur besteht nicht nur aus den Noten, die gedruckt sind. Auch die Pausen erzählen etwas. Und manchmal lohnt es sich, genau dort hinzuhören.
Das Leipziger Kammermusikfestival CON SPIRITO widmet seine sechste Ausgabe vom 12. bis 20. September 2026 einem solchen Zwischenraum. Unter dem Titel „Tacheles – Jewish Tunes der Leipziger Romantiker“ begibt sich das Festival auf die Suche nach jüdischen Einflüssen, Beziehungen und Freundschaften, die die Leipziger Musiklandschaft des 19. Jahrhunderts mitprägten.

Pauline Sachse © Pauline Sachse

Pauline Sachse © Pauline Sachse

Es geht um Felix Mendelssohn Bartholdy, um Robert und Clara Schumann, um Joseph Joachim, Giacomo Meyerbeer, Ferdinand Hiller und Ferdinand David. Um musikalische Partnerschaften, persönliche Begegnungen und kulturelle Verbindungen. Aber auch um Widersprüche und Brüche – etwa im Verhältnis Richard Wagners zu Mendelssohn und Meyerbeer, das von jugendlicher Bewunderung später in erbitterte Ablehnung umschlug.
„Wie klingen sie, die jüdischen Einflüsse in der Musik?“ lautet eine der zentralen Fragen des Festivals. Eine einfache Antwort darauf gibt es nicht. Denn jüdische Musik lässt sich nicht auf einen bestimmten Klang reduzieren. Sie ist ebenso vielfältig wie die Menschen und Kulturen, die sie geprägt haben. CON SPIRITO nähert sich dem Thema deshalb über konkrete Biografien, Freundschaften und musikalische Verbindungen – und macht hörbar, was sich hinter den großen Namen der Romantik verbirgt.
Dabei ist der besondere Reiz des Festivals untrennbar mit seinen Spielorten verbunden. Die Konzerte finden nicht irgendwo statt, sondern dort, wo Musikgeschichte tatsächlich geschrieben wurde: im Mendelssohn-Saal des Gewandhauses, im Schumann-Haus, im Mendelssohn-Haus, in der Alten Nikolaischule, im Bach-Museum und in der Grieg-Begegnungsstätte. Das kann ein intimes Erlebnis sein. Kammermusik braucht schließlich keinen monumentalen Rahmen. Sie lebt von Nähe, vom Atem zwischen den Tönen, von kleinen Verschiebungen und Zwischentönen. In den historischen Salons und Wirkungsstätten Leipzigs bekommt diese Nähe eine zusätzliche Dimension: Die Vergangenheit ist nicht bloß Thema, sie ist Teil des Raumes.
Zum Auftakt am 12. September treffen im Gewandhaus unter dem Titel Schattenspiele Beethoven, Carl Frühling und Felix Mendelssohn Bartholdy aufeinander. Ein bearbeitetes Egmont, Frühlings Klarinettentrio und Mendelssohns berühmtes Oktett eröffnen ein Festival, das musikalische Verbindungen nicht nur behauptet, sondern hörbar macht.

Angela Chan, Foto: Jenny Chou

Angela Chan, Foto: Jenny Chou

Im Schumann-Haus geht es am folgenden Abend um „Schumanns jüdischen Geschmack?“. Joseph Joachims Hebräische Melodien begegnen Robert Schumanns Märchenerzählungen und Friedrich Gernsheims Klavierquartett. Die Frage im Titel ist dabei bewusst offen formuliert: Was bedeutet es überhaupt, musikalischen Geschmack kulturell oder religiös zuzuordnen?
An der Alten Nikolaischule rückt am 15. September Richard Wagner in den Mittelpunkt. Wagner: Profiteur und Verächter konfrontiert seine Bearbeitung von Halévys Le Guitarrero mit Meyerbeers Klarinettenquintett und Erwin Schulhoffs Streichsextett. Bewunderung, Aneignung, Ausgrenzung und Antisemitismus liegen hier gefährlich dicht beieinander.
Und auch die Geschichte des 20. Jahrhunderts klingt nach. In der Grieg-Begegnungsstätte erklingen am 19. September Prokofjews Ouvertüre über hebräische Themen, Alexander Wepriks 3 Folkdances und Mieczysław Weinbergs Klarinettensonate. Unter dem Titel Stalins jüdische Melodien öffnet sich damit ein weiteres Kapitel einer europäischen Musikgeschichte, die von Verfolgung, Exil und politischem Druck ebenso geprägt wurde wie von schöpferischer Kraft.
Für diese musikalische Spurensuche versammelt CON SPIRITO internationale Größen der Kammermusikszene: darunter Antje Weithaas, Angela Chan, Tobias Feldmann, Sergey Ostrovsky, Pauline Sachse, Peter Bruns und Jalda Rebling, die sich als Sängerin intensiv mit jüdischen Musiktraditionen beschäftigt. Ergänzt wird das Ensemble durch weitere renommierte Musikerinnen, Musikern und die Amsterdam Klezmer Band.
12. bis 20. September 2026
www.conspiritoleipzig.de

Amsterdam Klezmer Band, Foto: Tessa Posthuma

Amsterdam Klezmer Band, Foto: Tessa Posthuma