Museen gelten oft als Orte der konzentrierten Betrachtung, der stillen Begegnung mit Kunstwerken und ihrer Geschichte. Die Städtische Galerie Bietigheim-Bissingen stellt dieses traditionelle Verständnis nun auf den Prüfstand und lädt ihr Publikum mit der Ausstellung „Spielwiese Kunst“ dazu ein, Kunst einmal anders zu erleben: neugierig, experimentell und vor allem spielerisch.

Ausgangspunkt der Ausstellung ist ein berühmter Gedanke Friedrich Schillers. In seinen „Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen“ formulierte er die bis heute oft zitierte Erkenntnis, dass der Mensch „nur da ganz Mensch“ sei, „wo er spielt“. Diesen Gedanken übersetzt die Galerie in ein Ausstellungskonzept, das den Museumsbesuch von festen Regeln und Erwartungen befreit. Die Besucherinnen und Besucher sollen nicht nur betrachten, sondern entdecken, ausprobieren und selbst aktiv werden.
Dabei greift die Ausstellung auf die umfangreiche Sammlung der Städtischen Galerie zurück, die insbesondere für ihre Bestände zum künstlerischen Linolschnitt sowie zur regionalen Kunst bekannt ist. Gezeigt werden Werke von mehr als fünfzig Künstlerinnen und Künstlern aus rund 125 Jahren Kunstgeschichte. Das Spektrum reicht von der Klassischen Moderne bis zur Gegenwart, von großformatigen Gemälden über Skulpturen bis hin zu Videoinstallationen.
Das Besondere ist jedoch nicht allein die Auswahl der Werke, sondern ihre Präsentation. Die vertraute Museumsarchitektur wird durch ungewöhnliche Raumgestaltungen und alternative Sitzmöglichkeiten ergänzt. Kunst lässt sich hier aus der Hängematte betrachten oder während einer Trainingseinheit auf dem Hometrainer erleben. Der Wechsel der Perspektive verändert zugleich die Wahrnehmung der Kunstwerke und eröffnet neue Zugänge zu bekannten Motiven.

Barbara Wrede_Sieger, 2006, aus der 4-teiligen Serie Sieger - Verlierer - Finale - vorbei, Städtische Galerie Bietigheim-Bissingen, © Frank Kleinbach

Barbara Wrede, Sieger, 2006, aus der 4-teiligen Serie: „Sieger – Verlierer – Finale – vorbei,” Städtische Galerie Bietigheim-Bissingen

Hinzu kommen zahlreiche Mitmachstationen, die den Besuch zu einer sinnlichen Entdeckungsreise machen. Besucher können etwa prominente Persönlichkeiten auf Puzzles zusammensetzen, eigene Stillleben arrangieren oder Selfies direkt auf Spiegeloberflächen zeichnen. Andere Stationen regen dazu an, Kunstwerke mit den Sinnen zu erkunden und Fragen zu stellen, die im klassischen Museumsbetrieb selten gestellt werden: Wie riecht das Meer auf einem Gemälde? Wie fühlt sich eine Skulptur an, wenn man sie nicht sehen kann? Welche Geschichte verbirgt sich hinter einem Porträt?
Die Ausstellung versteht sich dabei nicht als pädagogische Belehrung, sondern als Einladung zum freien Spiel. Kunst wird zum Erfahrungsraum, in dem Neugier wichtiger ist als Vorwissen und eigene Wahrnehmung mehr zählt als kunsthistorische Einordnung. Gerade in einer Zeit, in der viele Lebensbereiche von Effizienz und Zweckorientierung geprägt sind, schafft die „Spielwiese Kunst“ einen Ort für zweckfreies Entdecken und kreatives Ausprobieren.
Mit ihrem innovativen Konzept öffnet die Städtische Galerie Bietigheim-Bissingen neue Wege der Kunstvermittlung. Die Ausstellung zeigt, dass Museen nicht nur Orte des Bewahrens, sondern auch des Erlebens sein können – und dass Kunst besonders dann berührt, wenn man ihr mit Offenheit, Fantasie und Spielfreude begegnet.
11. Juli bis 18. Oktober 2026, Eintritt frei

 

Bernhard Obst, The sky is open_Nightbreak, 2005 © Städtische Galerie Bietigheim-Bissingen

Bernhard Obst, „The sky is open”, Nightbreak, 2005 © Städtische Galerie Bietigheim-Bissingen

Studioausstellung: Bernhard Obst – „The Sky Is Open“
Parallel zur „Spielwiese Kunst“ widmet die Städtische Galerie dem Künstler Bernhard Obst (1956–2014) eine Studioausstellung. Aus Anlass seines 70. Geburtstags präsentiert die Schau einen repräsentativen Querschnitt seines Schaffens – von außergewöhnlichen Stillleben und surrealen Landschaften bis zu eigentümlichen Figurenszenen. Besonderes Augenmerk gilt seinen großformatigen Zeichnungen, deren dichte Strukturen aus unzähligen feinen Linien und Schraffuren bestehen. Die Ausstellung bietet die seltene Gelegenheit, das Werk eines bedeutenden, bislang eher wenig bekannten Vertreters der regionalen Kunstszene neu zu entdecken.
9. Mai 2026 bis 6. Januar 2027

www.galerie-bayer-bietigheim.de