Zwischen Mythos, Maschinen und Menschlichkeit: Die Freie Republik Wien beschwört eine neue spirituelle Gegenwart. Die Wiener Festwochen feiern 2026 ihr 75-jähriges Bestehen – und verwandeln Wien erneut in einen Ausnahmezustand der Kunst. Unter dem programmatischen Titel Republic of Gods erklärt sich die Freie Republik Wien in ihrem dritten Jahr zur Republik der Götter und Göttinnen. Zwischen antiken Heldensagen, religiösen Symbolen, digitalen Visionen und radikaler Gegenwartskunst entsteht ein Festival, das weniger Antworten liefert als große Fragen stellt: Welche Mythen tragen uns heute noch? Welche Götter haben ausgedient? Und welche neuen spirituellen Bilder braucht eine Welt im Dauerkrisenmodus?
Von der Ilias bis zum Banū Hilāl-Epos, von Wagners Parsifal bis zu nordischen Gottheiten: Die Festwochen suchen nach dem Echo alter Erzählungen in einer Zeit, die gleichzeitig hypermodern und zutiefst verunsichert erscheint. Dabei geht es nie um nostalgische Rückschau, sondern um Kunst als kollektive Suchbewegung – sinnlich, politisch, exzessiv und offen. „Heiliger Frühling“ nennt sich dieses große Jubiläumsprogramm, das 35 Produktionen, darunter 13 Weltpremieren, sowie zahlreiche kostenlose Projekte und Ausstellungen umfasst. Bespielt werden 34 Orte in ganz Wien, während das Badeschiff als „Haus der Republik“ zum pulsierenden Zentrum der Festivalwelt wird.
Schon die Eröffnung verspricht ein Spektakel zwischen Ritual und Popkultur. Doch vor allem die großen Theater- und Musikproduktionen zeigen, wie intensiv sich die Festwochen 2026 mit Fragen von Vergänglichkeit, Erlösung und Gemeinschaft auseinandersetzen. Zwischen diesen musikalischen Nächten entfaltet sich ein Festivalprogramm, das den Begriff des Mythos aus unterschiedlichsten Perspektiven befragt – mal intim und existenziell, mal bildgewaltig und überwältigend. Die folgenden Produktionen zählen zu den Höhepunkten der Republic of Gods.
Gods Republic – Pop als republikanisches Ritual
Mit dem Club der Republik wird das Badeschiff zur musikalischen Kommandozentrale der Festwochen. Die eigens gegründete Band Gods Republic – bestehend aus Sakura, Lorenz Ambeek, Xavier Plus und Stefan Gfrerrer – verbindet Konzert, Performance und kollektive Ekstase zu einem offenen Festivalformat. Jeder Abend entwickelt dabei seine eigene Klangwelt zwischen Wiener Underground, internationalen Gästen und hypnotischer Festivalenergie. Hier wird Popmusik zur republikanischen Feier: laut, schillernd und gemeinschaftsstiftend.
15. und 29. Mai; 5., 12. und 19. Juni 2026, Eintritt frei

„Tanzende Idioten” (auf dem Foto: Sebastian Blomberg) © Armin Smailovic
„Tanzende Idioten“ – Zärtlichkeit am Rand des Abgrunds
Mit „Tanzende Idioten” erschafft Regisseur Thorsten Lensing einen Abend über Abschied, Körperlichkeit und das fragile Glück des Daseins. Im Zentrum steht Goldie, schwer krank und dennoch voller unbändiger Lebenslust. Zwischen wilden Erinnerungen, schlafenden Katzen und surrealen Alltagsmomenten entfaltet sich ein Theater der radikalen Menschlichkeit. Lensing verbindet existentielle Schwere mit groteskem Humor und erschafft daraus einen Abend, der gleichzeitig verstört und berührt.
17., 18., 19. und 20. Mai 2026, Akademietheater
Robert Wilsons letzter Sturm
Eine besondere emotionale Kraft besitzt БУРЯТА. THE TEMPEST. Die Inszenierung von Robert Wilson, der 2025 verstarb, könnte eine der letzten Möglichkeiten sein, das Werk der Theaterikone live zu erleben. Gemeinsam mit dem Nationaltheater Sofia verwandelt Wilson Shakespeares „Der Sturm” in ein hypnotisches Gesamtkunstwerk aus Licht, Klang und Bewegung. Jede Geste wirkt präzise komponiert, jede Szene wie ein lebendes Gemälde. Aus Shakespeares Drama über Macht und Vergebung wird ein bildgewaltiger Traumzustand.
5., 6. und 7. Juni 2026, Burgtheater

„The Tempest” © Gergana Damianova
„Parsifal“ im Zeitalter der KI
Kaum ein Werk passt besser zum Motto der Festwochen als Richard Wagners „Parsifal”. Die Regisseurin Susanne Kennedy und der Künstler Markus Selg übersetzen die spirituelle Suche des Gralsmythos in eine futuristische Bilderwelt zwischen künstlicher Intelligenz, digitalen Visionen und religiösen Symbolen. Im MuseumsQuartier entsteht daraus kein klassisches Opernerlebnis, sondern ein rauschhaftes Ritual über Sehnsucht, Erlösung und die Frage, ob Spiritualität im digitalen Zeitalter überhaupt noch möglich ist.
15., 17., 19. und 22. Juni 2026, Museumsquartier, Halle E
Vampire gegen das Ende der Welt
Mit „Vampire’s Mountain” widmet sich Philippe Quesne einem Mythos, der aktueller wirkt denn je. Seine melancholisch-skurrile Vampirgemeinschaft wird zum Spiegel einer erschöpften Gesellschaft zwischen Naturzerstörung, Einsamkeit und Weltuntergangsstimmung. Doch Quesne wäre nicht Quesne, würde er daraus bloß düstere Endzeitkunst machen. Stattdessen entsteht ein poetischer Abend voller absurder Schönheit, schwarzem Humor und überraschender Leichtigkeit. Zwischen Theaternebel und langen Vampirzähnen zeigt sich: Vielleicht sind die Monster unserer Zeit zutiefst menschlich.
31. Mai; 1., 2. und 3. Juni 2026, Volkstheater Wien

„Vampires Mountain” © Martin Argyroglo






