Was sehen wir eigentlich, wenn wir ein Bild betrachten? Eine Wirklichkeit, einen Ausschnitt der Realität oder vielmehr eine Konstruktion unserer Wahrnehmung? Mit ihrer Ausstellung „All at Once. An Interplay with Li Tavor“ widmet sich die Zürcher Künstlerin Shirana Shahbazi im Kunstmuseum Luzern genau diesen Fragen – und verwandelt den Ausstellungsraum in ein faszinierendes Geflecht aus Fotografie, Farbe, Licht und räumlicher Erfahrung.

Seit mehr als drei Jahrzehnten arbeitet Shahbazi mit dem Medium Fotografie, doch ihre Werke haben sich längst von einer rein dokumentarischen Auffassung des Bildes entfernt. Zwar bilden Landschaften, Architektur, Menschen oder Objekte häufig den Ausgangspunkt ihrer Arbeiten, doch das fotografische Motiv ist für die Künstlerin weniger Endpunkt als vielmehr Beginn eines komplexen künstlerischen Prozesses. Ihre Bilder werden bearbeitet, transformiert, überlagert und in neue Zusammenhänge gesetzt. Dabei entstehen Werke, die sich einer eindeutigen Zuordnung entziehen und zwischen Figuration und Abstraktion oszillieren.
Gerade diese produktive Uneindeutigkeit macht Shahbazis Werk so faszinierend. Ihre Arbeiten laden nicht zum schnellen Erkennen ein, sondern zum genauen Hinsehen. Formen scheinen vertraut und fremd zugleich, Räume lösen sich auf und setzen sich neu zusammen. Die Künstlerin fordert damit unsere Sehgewohnheiten heraus und macht Wahrnehmung selbst zum Thema ihrer Kunst. Besonders eindrucksvoll zeigt sich dies in der fortlaufenden Werkserie Displacement, die seit 2023 entsteht. Ausgangspunkt sind architektonische Modelle, die Shahbazi in ihrem Atelier sorgfältig arrangiert und aus unterschiedlichen Perspektiven fotografiert.

Shirana Shahbazi, Falling_01, 2023, dreifarbige Lithografie auf Baumwollpapier, vier Blätter, 240 × 160 cm, Ed. von 2 (+ 1 AP), Courtesy of the artist und Galerie Peter Kilchmann, Zürich, Paris

Shirana Shahbazi, Falling_01, 2023, dreifarbige Lithografie auf Baumwollpapier, vier Blätter, 240 × 160 cm, Ed. von 2 (+ 1 AP), Courtesy of the artist und Galerie Peter Kilchmann, Zürich, Paris

Durch analoge Schwarz-Weiß-Aufnahmen, mehrfache Überlagerungen und fein lasierende Farbschichten entstehen Bildräume, die sich jeder räumlichen Logik entziehen. Innen und Außen, Oben und Unten, Vordergrund und Hintergrund scheinen ihre festen Positionen zu verlieren. Was zunächst wie Architektur erscheint, verwandelt sich in eine visuelle Landschaft des Übergangs.
Diese Auflösung fester Bezugssysteme zieht sich durch das gesamte Schaffen der Künstlerin. Immer wieder untersucht sie die Fragilität dessen, was wir für Wirklichkeit halten. Ihre Bilder zeigen keine objektive Welt, sondern machen sichtbar, wie sehr Wahrnehmung von Blickwinkeln, Kontexten und Erwartungen geprägt ist. Dadurch erhalten ihre Arbeiten eine erstaunliche Aktualität in einer Zeit, in der Bilder allgegenwärtig sind und ihre Glaubwürdigkeit zunehmend hinterfragt wird. Die Ausstellung im Kunstmuseum Luzern erweitert diesen Diskurs um eine räumliche Dimension. Shahbazis Werke treten in einen unmittelbaren Dialog mit Arbeiten der Künstlerin Li Tavor. Deren von der Decke hängende Latexbahnen reagieren auf die Architektur des Museums und schaffen transparente Schichten, die sich je nach Standpunkt mit den Fotografien überlagern. Es entstehen ständig wechselnde Konstellationen, in denen Bild und Raum miteinander verschmelzen.
Dieser dreidimensionale Austausch verwandelt den Ausstellungsbesuch in eine körperliche Erfahrung. Die Besucherinnen und Besucher bewegen sich durch ein Geflecht aus Transparenz, Spiegelung und Überlagerung. Kunst wird hier nicht nur betrachtet, sondern räumlich erlebt. Ergänzt wird die Schau durch Arbeiten der iranischen Künstlerin Monir Shahroudy Farmanfarmaian, deren geometrische Strukturen zusätzliche Resonanzen eröffnen. Gemeinsam entsteht ein vielstimmiger Dialog über Ordnung und Auflösung, Fläche und Raum, Wahrnehmung und Wirklichkeit. So präsentiert sich „All at Once“ als weit mehr als eine klassische Werkschau. Die Ausstellung macht sichtbar, wie Bilder entstehen, sich verändern und unsere Sicht auf die Welt prägen. Sie lädt dazu ein, Gewissheiten hinter sich zu lassen und die Schönheit des Uneindeutigen zu entdecken – dort, wo Wahrnehmung zum Abenteuer wird.
4. Juli bis 18. Oktober 2026
www.kunstmuseumluzern.ch

Shirana Shahbazi, Falling Sima 06, 2026, Courtesy of the artist

Shirana Shahbazi, Falling Sima 06, 2026, Courtesy of the artist