Erinnerungen gehören zu den rätselhaftesten Phänomenen menschlicher Existenz. Sie formen unsere Identität, prägen unsere Wahrnehmung der Welt und verbinden Vergangenheit mit Gegenwart. Doch Erinnerungen sind keine verlässlichen Archive. Sie verändern sich, verblassen, verdichten sich zu Bildern oder verschwinden ganz. Was wir erinnern, ist niemals eine exakte Rekonstruktion dessen, was war, sondern immer eine Neuinterpretation aus der Perspektive des Heute. Genau diesem Spannungsfeld zwischen Bewahren und Vergessen widmet sich die Ausstellung „Was bleibt. Erinnern und Vergessen in der Kunst“ in der Städtischen Wessenberg-Galerie Konstanz.

Die Schau greift ein Thema auf, das aktueller kaum sein könnte. In einer Zeit, in der Fragen nach Erinnerungskultur, historischer Verantwortung und gesellschaftlicher Identität intensiv diskutiert werden, richtet sie den Blick auf die Mechanismen des Erinnerns selbst. Was bleibt von einem Ereignis, wenn die Zeit darüber hinweggeht? Welche Erfahrungen werden Teil des kollektiven Gedächtnisses, welche geraten in Vergessenheit? Und wie verändern sich Erinnerungen, wenn sie von Generation zu Generation weitergegeben werden?
Die Ausstellung nähert sich diesen Fragen nicht aus historischer oder wissenschaftlicher Perspektive, sondern durch die Sprache der Kunst. Werke des 20. und 21. Jahrhunderts treten miteinander in Dialog und eröffnen vielschichtige Reflexionen über Zeit, Identität und Vergänglichkeit. Dabei wird deutlich, dass Erinnerung kein statischer Zustand ist. Sie ist ein Prozess, geprägt von Auswahl, Interpretation und Neubewertung. Jede Erinnerung trägt die Spuren der Gegenwart in sich.

Charlotte-English, Vergessen ist ein Teil von mir, 2026, Textil, Städtische Wessenberg-Galerie Konstanz © Charlotte English, Foto Alexander-Stertzik

Charlotte English, „Vergessen ist ein Teil von mir”, 2026, Textil, Städtische Wessenberg-Galerie Konstanz © Charlotte English, Foto Alexander-Stertzik

Besonders reizvoll ist die Verbindung von Arbeiten aus der Sammlung der Wessenberg-Galerie mit eigens für die Ausstellung entwickelten zeitgenössischen Positionen. Dadurch entsteht kein abgeschlossener Rückblick, sondern ein lebendiger Denkraum, in dem Vergangenheit und Gegenwart ineinandergreifen. Die Ausstellung macht sichtbar, wie unterschiedlich Künstlerinnen und Künstler auf das Thema reagieren und welche Formen des Erinnerns sie entwickeln.
Zu den eingeladenen zeitgenössischen Positionen zählen Sarah Maria Steuer und Stanislaw Heinzel, beide Stipendiaten der Werner Konrad Siegert Stiftung, sowie Barbara Marie Hofmann und Charlotte English. Ihre Werke erweitern die historischen Perspektiven um aktuelle Fragestellungen und eröffnen neue Zugänge zu den Themen Gedächtnis, Verlust und Identität.
Mal poetisch und leise, mal analytisch und gesellschaftskritisch untersuchen die Arbeiten die Fragilität menschlicher Erinnerung. Sie beschäftigen sich mit persönlichen Geschichten ebenso wie mit kollektiven Narrativen. Manche Werke bewahren Spuren des Vergangenen, andere thematisieren Leerstellen und das Verschwinden von Erinnerungen. Immer wieder stellt sich die Frage, wer erinnert, was erinnert wird und welche Geschichten im Laufe der Zeit verloren gehen.
Auch die Vielfalt der vertretenen Künstlerinnen und Künstler trägt zur besonderen Qualität der Ausstellung bei. Arbeiten von Ruth Biller, Hans Breinlinger, Martha Sophie Burkhardt, Dor Guez, Matthias Holländer, Susanne Kiebler oder Finja Sander eröffnen unterschiedliche Perspektiven auf das Verhältnis von Erinnerung und Gegenwart. Ihre Werke erzählen von individuellen Erfahrungen, gesellschaftlichen Umbrüchen und den oft unsichtbaren Prozessen des Erinnerns.

Martha Sophie Burkhardt, Perlen, 2023, Keramik, Sisal-Seil, Größe variabel © Martha Sophie Burkhardt, Foto: Nadja Kuras

Martha Sophie Burkhardt, Perlen, 2023, Keramik, Sisal-Seil, Größe variabel © Martha Sophie Burkhardt, Foto: Nadja Kuras

Dabei gelingt der Ausstellung etwas Bemerkenswertes: Sie macht Erinnerung nicht nur zum Thema, sondern auch zur Erfahrung. Besucherinnen und Besucher werden eingeladen, eigene Erinnerungsräume zu betreten, Verbindungen zwischen persönlicher Biografie und gesellschaftlicher Geschichte herzustellen und über das nachzudenken, was vom Vergangenen tatsächlich bleibt.
„Was bleibt. Erinnern und Vergessen in der Kunst“ ist deshalb weit mehr als eine klassische Themenausstellung. Sie versteht Erinnerung als schöpferischen Akt und zeigt, dass Vergangenheit niemals abgeschlossen ist. Zwischen Bewahren und Verdrängen, Erzählen und Schweigen entsteht ein Raum der Reflexion, in dem sich die Gegenwart ihrer eigenen Geschichte bewusst wird.
Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass Erinnern immer auch Gestalten bedeutet. Was bleibt, entscheidet sich nicht allein in der Vergangenheit. Es entscheidet sich jeden Tag neu – in unseren Bildern, unseren Geschichten und in der Art, wie wir die Welt betrachten.
10. Juni bis 4. Oktober 2026
https://wessenberg-galerie.de

Matthias Holländer, TURM, 1981, Radierung und Aquatinta auf Büttenpapier, Städtische Wessenberg-Galerie Konstanz © Matthias Holländer

Matthias Holländer, TURM, 1981, Radierung und Aquatinta auf Büttenpapier, Städtische Wessenberg-Galerie Konstanz © Matthias Holländer