Die Galerie im Alten Rathaus in Prien am Chiemsee ist mehr als ein Ausstellungsort – sie ist ein lebendiger Resonanzraum für Kunst und Geschichte zugleich. Seit ihrer Eröffnung im Jahr 1985 hat sich die Galerie mit rund 100 Ausstellungen zu einer festen Größe im kulturellen Leben des Chiemgaus entwickelt. Nach ihrer behutsamen Modernisierung im Jahr 2017 verbindet sie heute auf besondere Weise historische Substanz mit zeitgenössischer künstlerischer Praxis.

Mit der großartigen Ausstellung INNEN AUßEN II tritt nun Franz Xaver Angerer in diesen Dialog aus Raum, Zeit und Wahrnehmung ein. Seine Arbeiten wirken auf den ersten Blick reduziert – und entfalten gerade dadurch eine enorme Präsenz. Holz, sein zentrales Material, wird bei ihm nicht nur geformt, sondern transformiert. Oft schwarz gebrannt, trägt es Spuren von Hitze, Prozess und Veränderung in sich. Es ist Material und Bedeutungsträger zugleich, Verdichtung von Erfahrung und Erinnerung. Angerers Werke bewegen sich an der Schnittstelle von Skulptur, Relief und Rauminstallation. Aus schweren, massiven Elementen entstehen fragile Strukturen, die sich in den Raum hinein öffnen. Dünne, fast schwebende Lamellen greifen aus der Kompaktheit heraus und erzeugen ein Spiel aus Dichte und Leichtigkeit. Diese Spannung zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Ausstellung: Stabilität trifft auf Auflösung, Körperhaftes auf Durchlässigkeit, Innen auf Außen. Der Ausstellungstitel ist dabei Programm. INNEN AUßEN II beschreibt kein statisches Konzept, sondern einen fortlaufenden Prozess der Wahrnehmung. Die Arbeiten verlangen Bewegung – man umkreist sie, nähert sich an, entfernt sich wieder. Erst im Wechsel der Perspektiven erschließen sich ihre unterschiedlichen Ebenen. Raum wird nicht vorgegeben, sondern entsteht im Sehen selbst. So wird die Betrachtung zu einer aktiven Erfahrung, in der sich die Grenze zwischen Objekt und Betrachter zunehmend auflöst. Auch thematisch sind Angerers Arbeiten eng mit natürlichen Prozessen verbunden. Schichtung, Verdichtung und Transformation erinnern an geologische Formationen oder organische Entwicklungen. Landschaft wird hier nicht abgebildet, sondern in eine abstrakte Formensprache übersetzt – als Echo von Zeit, Wandel und Vergänglichkeit.
10. Mai bis 5. Juli 2026

Sonderausstellung „INNEN AUßEN II – Franz Xaver Angerer” © Franz Xaver Angerer, Unbenannt

Sonderausstellung „INNEN AUßEN II – Franz Xaver Angerer” © Franz Xaver Angerer, Unbenannt

Die Marktgemeinde Prien und euroArt
Zahlreiche europäische Künstler zog es im 19. Jahrhundert hinaus aus den Städten – weg von den dicht bebauten Ateliers, hin zu einer freieren, unmittelbaren Lebens- und Arbeitsweise in der Natur. Orte wie Dachau, Prien am Chiemsee, Klausen und Murnau am Staffelsee entwickelten sich in dieser Zeit zu Zentren eines neuen künstlerischen Aufbruchs. Die Landschaft selbst wurde zum Motiv und zugleich zur Inspirationsquelle: majestätische Bergkulissen, tiefblaue Seen, weite Moorlandschaften und ursprüngliche Dörfer boten ideale Bedingungen für eine Kunst, die sich stärker am Licht, an Atmosphäre und an der direkten Wahrnehmung orientierte. Aus dieser intensiven Verbindung von Natur und künstlerischem Ausdruck entstanden Werke, die bis heute weit über die Region hinaus Bedeutung besitzen.
In diesem Kontext steht auch die Vereinigung euroArt, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, das gemeinsame kulturelle Erbe der europäischen Künstlerkolonien zu bewahren, zu vernetzen und sichtbar zu machen. Sie verbindet Orte, die – wie Prien – eine besondere Rolle in der Kunstgeschichte Europas einnehmen und bis heute als lebendige Kulturstandorte bestehen. Die Marktgemeinde Prien blickt selbst auf eine rund 200-jährige Künstlertradition zurück. Die bereits 1828 gegründete „Künstlerkolonie Frauenchiemsee“ zählt neben Barbizon zu den ältesten Künstlerkolonien Europas und markiert den Beginn einer Entwicklung, die die Region nachhaltig prägen sollte.
www.tourismus.prien.de