Zwei tschechische Komponisten, verbunden durch eine enge persönliche Beziehung und die Auseinandersetzung mit Tod und Verlust: Die Neubrandenburger Philharmonie widmet ihr fünftes Philharmonisches Konzert Antonín Dvořák und dessen Schüler und Schwiegersohn Josef Suk.

Antonín Dvořáks sinfonische Dichtung „Der Wassermann“ op. 107 entstand 1896 und gehört zu einer Reihe von Orchesterwerken, die der Komponist nach seiner Rückkehr aus Amerika schrieb. Als literarische Vorlage diente eine Ballade aus der Sammlung „Kytice“ des tschechischen Dichters Karel Jaromír Erben.

Die Geschichte erzählt von einem jungen Mädchen, das von einem unheimlichen Wassermann in sein Unterwasserreich entführt wird. Dort wird es seine Frau und bringt ein Kind zur Welt. Als sie ihre Mutter besuchen möchte, erlaubt der Wassermann die Rückkehr an Land nur unter einer grausamen Bedingung: Das gemeinsame Kind muss als Pfand bei ihm zurückbleiben. Aus dieser Ausgangssituation entwickelt sich eine tragische Erzählung, deren düstere Atmosphäre Dvořák mit außergewöhnlicher musikalischer Fantasie gestaltet.

Die sinfonische Dichtung zeigt den Komponisten als meisterhaften musikalischen Erzähler. Wiederkehrende Motive charakterisieren die Figuren, während wechselnde Orchesterfarben die Handlung und ihre dramatischen Wendungen verdeutlichen. Besonders bemerkenswert ist, wie Dvořák Elemente der tschechischen Volksmusik mit einer differenzierten spätromantischen Orchestersprache verbindet.

Noch unmittelbarer mit persönlichen Erfahrungen verknüpft ist Josef Suks zweite Sinfonie in c-Moll op. 27, die den Titel „Asrael“ trägt. Suk begann die Komposition nach dem Tod seines Lehrers und Schwiegervaters Dvořák im Jahr 1904. Während der Arbeit ereilte ihn ein weiterer schwerer Schicksalsschlag: 1905 starb auch seine junge Ehefrau Otilie, Dvořáks Tochter.

Aus einem ursprünglich als musikalisches Denkmal gedachten Werk entwickelte sich so eine tief persönliche Auseinandersetzung mit Trauer, Erinnerung und Vergänglichkeit. Der Titel verweist auf den Todesengel Asrael, der in verschiedenen religiösen Überlieferungen die Seelen der Verstorbenen begleitet.

Suks groß angelegte Sinfonie gehört zu den eindrucksvollsten, aber vergleichsweise selten aufgeführten Werken der tschechischen Spätromantik. Ihre fünf Sätze führen durch leidenschaftliche Ausbrüche, dunkle Orchesterklänge und Momente von großer Zartheit. Musikalische Anspielungen auf Dvořáks Schaffen unterstreichen die enge Verbindung zwischen beiden Komponisten.

Am Pult der Neubrandenburger Philharmonie steht Christoph Gedschold. Das Programm eröffnet einen bewegenden Einblick in zwei Werke, in denen sich musikalische Erzählkunst und persönliche Schicksale auf besondere Weise begegnen.
7. Januar 2027

tog.de