Kaum ein Kapitel der österreichischen Moderne ist so elektrisierend wie jenes der künstlerischen Rivalität zwischen Egon Schiele und Oskar Kokoschka. Die Ausstellung Egon Schiele und Oskar Kokoschka. Rivalen im Egon Schiele Museum Tulln (28. März bis 1. November 2026) widmet sich erstmals umfassend diesem spannungsgeladenen Verhältnis, das weit mehr war als ein Wettstreit um Stilfragen. Es war der Wettlauf zweier junger Ausnahmetalente, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts entschlossen waren, die Kunstwelt zu verändern – und in ihr sichtbar zu werden.
Ausgehend von ihren frühen Anfängen zeigt die Schau, wie Schiele und Kokoschka parallel, aber auf völlig unterschiedliche Weise jene expressive Handschrift entwickelten, die den österreichischen Expressionismus prägen sollte. Beide bewegten sich in ähnlichen Netzwerken, suchten Förderer, brachen Tabus und stellten das Menschenbild ihrer Zeit radikal infrage. Doch spätestens 1918 kulminierte die Rivalität in einem historischen Moment: Beide Künstler sahen sich als legitime Erben Gustav Klimts – ein Anspruch, der den Ton für eines der folgenreichsten Duelle der Kunstgeschichte setzte.
Während Schiele wenige Monate später an der Spanischen Grippe starb, wie eingefroren auf dem Höhepunkt seines Schaffens, blieb Kokoschka zurück – mit einem übermächtigen Schatten, der ihn über Jahrzehnte begleitete. Die Ausstellung zeichnet nach, wie diese unsichtbare Konkurrenz Schiele posthum weiter stärkte und Kokoschkas Werk nachhaltig beeinflusste.
Kurator Christian Bauer beschreibt das Verhältnis als „ein Ringen um Sichtbarkeit in einer Kunstwelt im Umbruch“. Der begleitende Ausstellungskatalog, herausgegeben von Bauer und Bernadette Reinhold, vertieft diese Perspektive und widmet sich dem Beziehungsgeflecht der beiden Künstler als Netzwerker einer neuen Ära.

VR-Experience „Egon Schiele. Eine persönliche Begegnung“ © Amilux Film
Doch das Egon Schiele Museum blickt nicht nur auf das öffentliche, sondern auch auf das private Schiele-Universum: Die Besucherinnen und Besucher begegnen in fünf audiovisuellen Stationen den Originalstimmen seiner Schwestern Melanie und Gerti sowie seiner Schwägerin Adele Harms – intime Erinnerungen, die die Biografie des Künstlers eindrucksvoll erden.
Ein besonderer Höhepunkt ist die VR-Experience „Egon Schiele. Eine persönliche Begegnung“: ein immersiver Dialog mit Schiele am Ende seines Lebens, realisiert von Gerda Leopold und Sebastian Endler. Ergänzt wird die Präsentation durch Interviews der 2024 verstorbenen Sammlerin Elisabeth Leopold, die im Forscherinnengang des Obergeschosses von ihren Begegnungen mit Schieles Zeitzeuginnen berichtet.
So verknüpft die Ausstellung die große Kunstgeschichte mit persönlichen Lebensspuren – und macht erfahrbar, wie nah sich Genie, Dringlichkeit und menschliche Zerbrechlichkeit in Schieles Werk standen.
28. März bis 1. November 2026
www.schielemuseum.at

VR-Experience „Egon Schiele. Eine persönliche Begegnung“ © Amilux Film






