Das Leopold Museum Wien präsentiert 2026 eine eindrucksvolle Gegenüberstellung zweier herausragender Künstlerpersönlichkeiten: Herbert Boeckl (1894–1966) und Hans Josephsohn (1920–2012). Unter dem Titel „Herbert Boeckl – Hans Josephsohn. Archetypen des Figuralen“ beleuchtet die Ausstellung die faszinierenden Parallelen zwischen den beiden Künstlern, die sich in ihren Leben nie begegnet sind, deren Werke jedoch in puncto Körperlichkeit, Materialität und Formfindung auf bemerkenswerte Weise korrespondieren.
Die Schau zeigt, dass weder Boeckl noch Josephsohn den Weg in die abstrakte Kunst eingeschlagen haben, obwohl die Abstraktion seit den 1950er-Jahren das Kunstgeschehen prägte. Beide Künstler blieben der Gegenstandsbezogenheit treu und setzen insbesondere die menschliche Figur als Ausdrucksträger ein. In ihren Arbeiten wird der menschliche Körper zwar stark abstrahiert, anatomische Details treten in den Hintergrund. Durch radikale Vereinfachung und Verdichtung entsteht eine universelle Form des Menschlichen: Figuren, Köpfe und Halbfiguren wirken stilisiert und entindividualisiert, zugleich aber durch ihre Präsenz und Ausdruckskraft tief eindringlich.

Hans Josephsohn, Ohne Titel, 1969 © Kesselhaus Josephsohn, St. Gallen, Foto: Kesselhaus Josephsohn, St. Gallen © Josephsohn Estate
Die formale Annäherung der beiden Künstler zeigt sich auch im Umgang mit Material und Oberfläche. Boeckl arbeitet seine Malerei mit dick aufgetragenen Farbschichten fast skulptural, während Josephsohn additiv mit Gips modelliert und dessen Spuren in die endgültigen Güsse überträgt. Beide legen den Schaffensprozess offen: sichtbar bleiben die expressiven Pinselstriche bei Boeckl, die Händeabdrücke und Auftragespuren bei Josephsohn. Die Beschäftigung mit zerklüfteten, zernarbten Oberflächen erzeugt in beiden Medien eine haptische Qualität, die die materielle Präsenz ihrer Werke unterstreicht.Die Ausstellung lädt Besucherinnen und Besucher dazu ein, die Zeitlosigkeit dieser Arbeiten zu erleben. Josephsohns stelenartige Figuren und Köpfe erscheinen als monolithische Archetypen, während Boeckls monumentale Figuren- und Landschaftsdarstellungen eine überzeitliche, beinahe archaische Wirkung entfalten. Durch die Gegenüberstellung entstehen neue Wahrnehmungsräume: Fragen der Existenz, der Körperlichkeit und des menschlichen Daseins treten deutlich hervor und eröffnen die Möglichkeit, die Relevanz figuraler Kunst über die Jahrhunderte hinweg zu reflektieren.

„Herbert Boeckl – Hans Josephsohn“ zeigt, dass universelle Ausdruckskraft und eine formale Reduktion nicht nur ästhetische Mittel sind, sondern auch philosophische Dimensionen transportieren können. Die Ausstellung verdeutlicht eindrucksvoll, wie Künstler unabhängig von zeitgenössischen Moden und Trends eine eigene, unverwechselbare Bildsprache entwickeln können. Die Verbindung von Skulptur und Malerei, von Körperlichkeit und Materialpoetik, schafft ein vielschichtiges Erlebnis, das die zeitlose Faszination figuraler Kunst auf beeindruckende Weise vermittelt.
24. Juli 2026 bis 10. Jänner 2027
www.leopoldmuseum.org

Hans Josephsohn, Ohne Titel, 1990 © Kesselhaus Josephsohn, St. Gallen, Foto: Kesselhaus Josephsohn, St. Gallen © Josephsohn Estate






