Wenn sich Salzburg im Juni wieder in einen Resonanzraum für zeitgenössische Performance verwandelt, dann geschieht das 2026 mit besonderer Wucht. Die SOMMERSZENE präsentiert von 8. bis 23. Juni vierzehn Produktionen, darunter zahlreiche Österreich-Premieren, und entwirft damit ein Festivalprogramm, das weniger auf bloße Unterhaltung als auf intensive Erfahrung setzt. Tanz und Performance erscheinen hier nicht als dekorative Kunstformen, sondern als politische, körperliche und emotionale Seismographen unserer Gegenwart.
Bereits die Eröffnung mit Sasha Waltz’ legendärem „Travelogue I – Twenty to eight“ macht deutlich, worum es in dieser Ausgabe geht: um das menschliche Zusammenleben in all seiner Fragilität und Absurdität. Eine Küche wird zur Bühne neurotischer Routinen, unausgesprochener Sehnsüchte und grotesker Konflikte. Was 1993 als scharf beobachtete Alltagsstudie entstand, wirkt heute beinahe erschreckend aktuell. Zwischen Humor und Schmerz entfaltet sich ein präzises Bild moderner Isolation – roh, komisch und zutiefst menschlich.

Jan Martens/GRIP, „THE DOG DAYS ARE OVER 2.0” © Stefanie Nash
Überhaupt scheint die SOMMERSZENE 2026 den Körper als Ort gesellschaftlicher Verhandlung zu begreifen. Jan Martens’ Kultstück „THE DOG DAYS ARE OVER 2.0“ untersucht in radikaler Konsequenz die Grenzen von Disziplin, Perfektion und Erschöpfung. Acht Tänzerinnen und Tänzer springen sich in mathematischer Präzision an die körperliche Belastungsgrenze. Das Publikum beobachtet fasziniert – und wird gleichzeitig mit der eigenen Rolle konfrontiert: Wann wird Kunst zur Arena? Wann kippt ästhetische Bewunderung in voyeuristische Beobachtung? Auch Leïla Ka richtet den Blick auf gesellschaftliche Zuschreibungen und Machtverhältnisse. In „Maldonne“ kämpfen fünf Tänzerinnen in vierzig Kleidern gegen Bilder von Weiblichkeit, gegen Erwartungen, Projektionen und Rollenbilder an. Die Kleider glänzen, verhüllen, engen ein oder explodieren förmlich in Bewegung. Ka entwickelt daraus eine eindringliche Choreografie über Widerstand, Verletzlichkeit und weibliche Selbstbehauptung.
Mit Marco da Silva Ferreira wird die Bühne schließlich zum politischen Kraftfeld. „F*cking Future“ verbindet Marsch, Ritual und Clubästhetik zu einer eindrucksvollen Reflexion über Männlichkeit, Militarisierung und kollektive Dynamiken. Die Performer bewegen sich wie ein pulsierender Organismus zwischen Euphorie und Bedrohung. Das Stück fragt nach der Macht der Masse – und nach der Verantwortung jedes Einzelnen innerhalb gesellschaftlicher Systeme.

Michikazu Matsune/Theater Bremen, „Tomorrow we dreamed of yesterday” © Jörg Landsberg
Daneben eröffnet die SOMMERSZENE auch poetische Zwischenräume. Michikazu Matsunes „Tomorrow we dreamed of yesterday“ verwebt Erinnerungen, Erzählungen und Fantasie zu einer melancholisch-verspielten Meditation über Zeit und Begegnung. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft scheinen ineinanderzufließen, als wären Erinnerungen nichts anderes als Proben eines Lebens, das sich ständig neu erfindet.
Zum Finale setzt Doris Uhlich gemeinsam mit der über 80-jährigen ehemaligen Primaballerina Susanne Kirnbauer ein berührendes Zeichen gegen die Unsichtbarkeit alternder Körper im Tanz. „Come Back Again“ wird so zu einer kraftvollen Feier von Transformation, Erfahrung und künstlerischer Freiheit jenseits normierter Körperbilder.
Die SOMMERSZENE 2026 zeigt eindrucksvoll, wie unmittelbar Tanz und Performance gesellschaftliche Fragen verhandeln können. Dieses Festival will nicht beruhigen. Es fordert heraus, irritiert, bewegt – und erinnert daran, dass der Körper immer auch ein politischer Raum ist.
8. bis 23. Juni 2026
szene-salzburg.net

Marco da Silva Ferreira, „F*cking Future” © João Octávio






