Die neue Ausstellung im Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek mit dem Titel „‘Dem Stumpfsinn die Geisteskappe aufsetzen‘. Thomas Bernhard heute“ rückt ein Werk von weltliterarischer Geltung in den Mittelpunkt.

Seit 2023 befindet sich Bernhards Nachlass an der Österreichischen Nationalbibliothek. Die Schau präsentiert Manuskripte, Briefe und Fotografien aus allen Lebensphasen sowie nie zuvor gezeigte Fundstücke. Ein Schwerpunkt liegt auf dem Echo Thomas Bernhards (1931–1989) in der internationalen Gegenwartsliteratur. Längst hat seine Literatur die Grenzen des unerbittlich attackierten Staates Österreich überwunden. Das zeigen nicht nur laufend neue Theaterinszenierungen und rund 800 Erstübersetzungen seiner Werke in über vierzig Sprachen. Auch in zahlreichen Büchern zeitgenössischer Autorinnen und Autoren finden sich Spuren: Mehr als 250 Einträge von Argentinien bis Vietnam verzeichnet das Forschungsprojekt GlobalBernhard.

Thomas Bernhard 1980 in Santa Ponsa, Mallorca, Foto: Stefan Mussil

Thomas Bernhard 1980 in Santa Ponsa, Mallorca, Foto: Stefan Mussil

Thomas Bernhard befreite sich aus schwierigen familiären Konstellationen und überlebte in jungen Jahren eine Lungenkrankheit nur knapp. In den ausgestellten Objekten werden die Verletzungen und euphorischen Momente eines Schriftstellers deutlich, der nicht aufhörte, sich im Schreiben immer wieder neu zu erfinden. Als rauschhaft, tranceartig oder auch als überfordernd bezeichnen Übersetzerinnen und Übersetzer den Effekt, den Bernhards Sätze auf sie ausüben. Wer sie liest oder die tragikomischen Theaterstücke sieht, gerät in den Sog einer musikalischen Sprache voller Wiederholungen. Ist Thomas Bernhards Stil tatsächlich so leicht imitierbar, wie manchmal behauptet wird? Worin besteht die Unvergleichlichkeit dieses Autors? Fragen, die ins Heute führen und zu Überlegungen, was Literatur überhaupt ausmacht. Ein für die Ausstellung konzipierter Thomas-Bernhard-Chatbot thematisiert spielerisch die Frage nach der Produktion von Literatur durch KI. Was unterscheidet „Künstliche Intelligenz“ von menschlicher Kunstfertigkeit, Kreativität und Kommunikation?
bis 21. Februar 2027, Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek
Johannesgasse 6, 1010 Wien
onb.ac.at

Thomas Bernhard in Seekirchen, 1938 © Thomas Bernhard Nachlassverwaltung GmbH

Thomas Bernhard in Seekirchen, 1938 © Thomas Bernhard Nachlassverwaltung GmbH