Im Kunstmuseum Basel entfaltet sich mit „Cao Fei. Testimonies to the Near Future“ ein Panorama, das gleichermaßen als Rückblick auf drei Jahrzehnte künstlerischer Arbeit wie als spekulativer Blick in kommende Realitäten gelesen werden kann. Die chinesische Künstlerin Cao Fei (*1978, Guangzhou) zählt zu den prägendsten Stimmen einer Generation, die den digitalen, sozialen und ökonomischen Umbruch der Gegenwart nicht nur beobachtet, sondern in neue ästhetische Formen übersetzt.

Für ihre erste Einzelausstellung in der Schweiz und zugleich bislang größte Überblicksschau in Europa verwandelt Cao Fei das Kunstmuseum Basel | Gegenwart in eine begehbare Denk- und Erfahrungslandschaft. Die Ausstellungsräume werden zu einer Art imaginärer Stadt, in der sich Videos, digitale Welten, Installationen und skulpturale Elemente überlagern und miteinander verschmelzen. Besucherinnen und Besucher bewegen sich nicht durch eine klassische Ausstellung, sondern durch ein hybrides Gefüge aus Realität und Simulation, Erinnerung und Zukunftsentwurf.
Seit den frühen 2000er-Jahren untersucht Cao Fei in ihren Arbeiten die tiefgreifenden Veränderungen des chinesischen Alltags, insbesondere im dynamischen Raum des Perlflussdeltas. Ihre Werke reagieren auf die Beschleunigung von Urbanisierung, Industrialisierung und Digitalisierung – Prozesse, die sie weder distanziert kommentiert noch nostalgisch verklärt, sondern in ihrer Ambivalenz sichtbar macht. Arbeit, Identität und Körperlichkeit erscheinen dabei stets als variable Zustände innerhalb eines sich permanent wandelnden Systems.
Cao Fei gilt als Pionierin digitaler Kunstpraktiken. Schon früh hat sie virtuelle Räume, Game-Ästhetiken und filmische Erzählweisen miteinander verschränkt und damit neue narrative Formen entwickelt, die weit über klassische Videokunst hinausgehen. Ihre Arbeiten haben eine Generation von Künstlerinnen und Künstlern in Asien und darüber hinaus geprägt und die Möglichkeiten erweitert, wie Kunst auf technologische Umbrüche reagieren kann.

Cao Fei, Whose Utopia, 2006 © Courtesy of the artist, Creative Vitamin Space, and Sprüth MagersCommissioned by Siemens Art Program

Cao Fei, Whose Utopia, 2006 © Courtesy of the artist, Creative Vitamin Space, and Sprüth MagersCommissioned by Siemens Art Program

Im Zentrum der Basler Ausstellung stehen zentrale Werkkomplexe wie Whose Utopia (2006), das utopische und zugleich irritierende Arbeitswelten in einer Industrieanlage zeigt, sowie RMB City (seit 2007), ein virtuelles Stadtkonstrukt zwischen Second Life und architektonischer Vision. Auch jüngere Arbeiten wie Asia One (2018), Nova (seit 2019), Oz (2022) und die seit 2003 entstehende Hip Hop-Serie zeichnen ein vielschichtiges Bild einer Welt im Übergang. Diese Werke verbinden dokumentarische Beobachtung mit spekulativer Imagination und schaffen Räume, in denen das Reale stets vom Möglichen durchdrungen ist.
Charakteristisch für Cao Feis Praxis ist die Durchlässigkeit zwischen den Ebenen: Zwischen Alltag und Fiktion, Arbeit und Spiel, Körper und Avatar entstehen Zwischenräume, die sich jeder eindeutigen Zuordnung entziehen. Gerade diese Offenheit macht ihre Arbeiten so eindringlich. Sie zeigen keine abgeschlossenen Zukunftsmodelle, sondern Fragmente eines fortlaufenden Prozesses.
In Basel wird dieser Ansatz räumlich konsequent weitergedacht. Auf allen vier Etagen des Hauses Gegenwart entfaltet sich eine Ausstellung, die nicht nur Werke präsentiert, sondern Erfahrungsräume schafft. Immersive Installationen lassen die Besucherinnen und Besucher in digitale und physische Umgebungen eintauchen, die sich gegenseitig durchdringen. Die Grenze zwischen Betrachtung und Teilnahme, zwischen Bild und Realität, wird dabei immer wieder neu verhandelt.
So entsteht eine Ausstellung, die weniger als retrospektive Werkschau denn als lebendiges System funktioniert – offen, beweglich und in ständiger Transformation begriffen. „Testimonies to the Near Future“ lädt dazu ein, Gegenwart nicht als festen Zustand zu begreifen, sondern als Übergang: als ein Feld von Möglichkeiten, in dem sich Zukunft bereits im Heute abzeichnet.
30. Mai bis 11. Oktober 2026
https://kunstmuseumbasel.ch

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