Mit der Ausstellung „Arnulf Rainer & Art Brut“ widmet sich das Arnulf Rainer Museum einer künstlerischen Beziehung, die weit über bloße Rezeption hinausgeht. Im Zentrum steht das Spannungsfeld zwischen Arnulf Rainer und jener „rohen Kunst“, die Jean Dubuffet 1945 als radikalen Gegenentwurf zum etablierten Kunstbetrieb definierte.

„Arnulf Rainer zählt zu den Entdeckern und ersten Sammlern der Kunst aus Gugging. Diese Ausstellung ist seiner lebenslangen Beschäftigung mit Art Brut gewidmet. Sowohl Rainers Arbeiten als auch die Werke von Vertreterinnen und Vertretern der Art Brut bestechen durch eine ganz spezielle Form der Unmittelbarkeit des Ausdrucks“, so Kurator Nikolaus Kratzer.
Tatsächlich beginnt Rainers Annäherung bereits in der Nachkriegszeit, zunächst über den Surrealismus, später vertieft durch die Begegnung mit den Künstlern aus Gugging, vermittelt durch Leo Navratil. Was ihn fasziniert, ist die radikale Unmittelbarkeit dieser Arbeiten – ein Ausdruck jenseits akademischer Regeln, frei von Konvention und Kalkül.

Arnulf Rainer, 2012 © Kollektiv Fischka

Arnulf Rainer, 2012 © Kollektiv Fischka

In bewusster Abgrenzung zur „gebildeten“ Kunst sucht Rainer nach neuen Ausdrucksformen. Seine Experimente reichen von performativen Gesten bis zu körperlichen Grenzerfahrungen: Malen mit bloßen Händen, Übermalungen eigener Fotografien und ikonischer Bildtraditionen. Besonders die Werkgruppe der Übermalungen wird dabei zu einem zentralen Medium des Dialogs – nicht als Überformung, sondern als Annäherung an ein Gegenüber. Diese dialogische Haltung kulminiert in den Art-Brut-Hommagen der 1970er-Jahre sowie in späteren Kooperationen mit Künstlern aus Gugging, darunter Johann Hauser und Oswald Tschirtner. In gegenseitigen Übermalungen entstehen Arbeiten, die Autorschaft bewusst auflösen und künstlerische Hierarchien infrage stellen.
Die Ausstellung macht diese vielschichtigen Verbindungen anhand einer beeindruckenden Auswahl sichtbar. Neben Rainers Werk treten Positionen von Künstlerinnen und Künstlern der Art Brut wie Adolf Wölfli, August Walla oder Friedrich Schröder-Sonnenstern. Dabei entsteht kein Gegensatz, sondern ein Resonanzraum, in dem sich unterschiedliche Ausdrucksformen gegenseitig verstärken.
Einen wesentlichen Beitrag dazu leistet die bedeutende Sammlung des Kunstsammlers Helmut Zambo, die einen Schwerpunkt der Ausstellung bildet. Seine persönliche Begegnung mit dieser Kunst beschreibt er eindrücklich: „Meine Begeisterung für Art Brut wurde durch einen Atelierbesuch bei Arnulf Rainer Mitte der 1960er-Jahre geweckt. Dort kam ich zum ersten Mal in Kontakt mit der Kunst aus Gugging und war sofort begeistert! Ich wünsche den Besucherinnen und Besuchern dieser Ausstellung, dass es ihnen ähnlich ergeht – dass sie von den Bildern berührt und beglückt werden. Möge ihnen die Begegnung mit diesen Kunstwerken die Augen öffnen und sie für ihre einzigartige Schönheit und Ausdruckskraft sensibilisieren.“ Ergänzt wird die Schau durch Werke aus der Sammlung Navratil, die erstmals in größerem Umfang präsentiert werden. So verdichtet sich die Ausstellung zu einer eindrucksvollen Erzählung über künstlerische Nähe, Einfluss und Aneignung. „Arnulf Rainer & Art Brut“ ist damit weit mehr als eine kunsthistorische Bestandsaufnahme. Sie zeigt Kunst als existenziellen Akt – als unmittelbaren Ausdruck, der sich jeder Norm entzieht und gerade darin seine anhaltende Sprengkraft entfaltet.
18. Oktober 2025 bis 4.Oktober 2026
www.arnulf-rainer-museum.at