Welche Hautfarben haben Jüdinnen und Juden – und welche werden ihnen zugeschrieben? Die neue Ausstellung im Jüdischen Museum Wien stellt diese scheinbar einfache, tatsächlich aber hochkomplexe Frage ins Zentrum. Unter dem Titel „Schwarze Juden, Weiße Juden?“ untersucht sie historische und gegenwärtige Perspektiven auf jüdische Identität im Spannungsfeld zwischen Selbstverortung, Antisemitismus und Rassismus.

Seit Jahrhunderten prägen rassistische Weltbilder die Wahrnehmung von Menschen. „Rassentheorien“, Kolonialismus, Antisemitismus und andere Ideologien der Überlegenheit ordneten die Welt nach Hautfarben – eine Konstruktion, die bis heute nachwirkt. Die Ausstellung beleuchtet, wie solche Vorstellungen auch die Wahrnehmung jüdischer Menschen beeinflussten und weiterhin beeinflussen. Im Fokus stehen Stereotypisierungen und Ausgrenzungen, die sogenannte Jews of Color weltweit erfahren – insbesondere in Europa, den USA und Israel.
Dabei versteht die Ausstellung Hautfarbe nicht als biologische Tatsache, sondern als soziale und historische Konstruktion. Sie macht sichtbar, dass Zuschreibungen wie „weiß“ oder „nicht-weiß“ kulturelle Kategorien sind, die Machtverhältnisse spiegeln und Identitäten formen. Zeitgenössische Kunstwerke, historische Dokumente, Interviews und Fotografien zeigen die Vielfalt jüdischer Lebensrealitäten und die Brüche, die durch Fremdzuschreibungen entstehen.

Let’s talk about Race © Chris Buck

Let’s talk about Race © Chris Buck

Gerade in aktuellen Debatten rund um den Nahost-Konflikt wird deutlich, wie eng Antisemitismus und Rassismus miteinander verwoben sind. Häufig wird das Bild des „weißen, kolonialen Juden“ bemüht – ein Narrativ, das historische Fakten ausblendet und die komplexe Geschichte jüdischer Migration und Verfolgung ignoriert. Jüdinnen und Juden leben seit Jahrhunderten auf allen Kontinenten; sie sind geprägt von unterschiedlichen Kulturen, Hautfarben und Geschichten.
Die Ausstellung fragt daher provokant: Sind Jüdinnen und Juden weiß, nicht-weiß oder schwarz – oder liegt die Antwort jenseits dieser Kategorien? Sie zeigt, wie unterschiedlich Jüdinnen und Juden sich selbst sehen und gesehen werden, und wie diese Perspektiven gesellschaftliche Diskurse prägen.
„Schwarze Juden, Weiße Juden?“ ist mehr als eine kulturhistorische Schau – sie ist ein Beitrag zur aktuellen Diskussion über Identität, Zugehörigkeit und Sichtbarkeit. Das Jüdische Museum Wien eröffnet damit einen wichtigen Raum für Reflexion und Dialog über die Frage, was es heute bedeutet, jüdisch zu sein – in einer Welt, die Hautfarbe und Herkunft noch immer als Maßstab begreift.
22. Oktober 2025 bis 26. April 2026
www.jmw.at

„Schwarze Juden, Weiße Juden? Über Hautfarben und Vorurteile” © Jüdisches Museum Wien

„Schwarze Juden, Weiße Juden? Über Hautfarben und Vorurteile” © Jüdisches Museum Wien