Mit ihrer ersten Einzelausstellung in Europa präsentiert die chinesische Künstlerin Miao Ying im Belvedere 21 ein ebenso verspieltes wie präzises Nachdenken über eines der drängendsten Themen unserer Gegenwart: künstliche Intelligenz und ihre tiefgreifenden Auswirkungen auf Gesellschaft, Wahrnehmung und Kontrolle.

Der Titel „Come, Sit, Stay” – entlehnt den klassischen Befehlen der Hundeerziehung – verweist auf eine zentrale Analogie, die Miao Ying ihrer Arbeit zugrunde legt: die strukturelle Nähe zwischen dem Training von Hunden und dem Training künstlicher Intelligenz. In beiden Fällen basieren Lernprozesse auf klaren Regeln, wiederholten Mustern und der Steuerung von Verhalten. Was auf den ersten Blick humorvoll erscheint, öffnet im Werk der Künstlerin einen kritischen Raum, in dem sich Fragen nach Macht, Unterordnung und Steuerbarkeit verdichten.
Miao Ying, die in China und den USA ausgebildet wurde, bewegt sich in ihrem Schaffen an der Schnittstelle von Technologie, Ideologie und digitaler Bildproduktion. Ihre Installationen, Videos und Malereien analysieren die Mechanismen digitaler Überwachung und algorithmischer Sichtbarmachung, ohne dabei in rein technologische Analyse zu verfallen. Vielmehr interessiert sie sich für die kulturellen, politischen und emotionalen Implikationen dieser Systeme.

Miao Ying, Training Landscapes No.22 - A quantum alchemist in a lab pristine, Manipulated qubits with a futuristic sheen, 2024 © Miao Ying, Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder, Wien, Foto: Markus Wörgötter © Bildrecht, Wien

Miao Ying, Training Landscapes No.22 – A quantum alchemist in a lab pristine, Manipulated qubits with a futuristic sheen, 2024 © Miao Ying, Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder, Wien, Foto: Markus Wörgötter © Bildrecht, Wien

In ihren jüngsten Arbeiten nutzt Miao Ying KI-generierte Bildwelten, die sie mithilfe neuronaler Netzwerke unter spezifischen Parametern erzeugt und anschließend in analoge, malerische Formate überführt. Dieser Wechsel vom Digitalen ins Physische ist kein bloßer Medienbruch, sondern ein gezielter künstlerischer Kommentar: Die oft immateriellen Prozesse der Datenverarbeitung erhalten eine sichtbare, haptische Form und werden so sinnlich erfahrbar gemacht. Malerei wird hier zum Übersetzungsraum algorithmischer Logiken.
Gleichzeitig erweitert die Künstlerin den zeitgenössischen Diskurs um historische Tiefenschichten. Anspielungen auf mittelalterliche Vorstellungen von Magie, Alchemie und Beschwörung verweisen darauf, dass jede technologische Neuerung auch von Projektionen, Ängsten und Hoffnungen begleitet ist. So entsteht ein Spannungsfeld zwischen rationaler Systemlogik und irrationaler Imagination, zwischen Kontrolle und Kontrollverlust.
Indem Miao Ying diese unterschiedlichen Zeitebenen miteinander verschränkt, entsteht ein Werk, das sich weder eindeutig als Kritik noch als Affirmation lesen lässt. Vielmehr entfaltet sich ein ironisch gebrochener, oft subtil humorvoller Blick auf eine Technologie, die längst in den Alltag eingesickert ist, deren gesellschaftliche Konsequenzen jedoch weiterhin verhandelt werden.
„Come, Sit, Stay” zeigt KI nicht als abstraktes Zukunftsszenario, sondern als kulturelles Phänomen, das tief in unsere Vorstellungen von Lernen, Macht und Wahrnehmung eingreift – und stellt damit die Frage, wer hier eigentlich wen trainiert.
10. Juli bis 4. Oktober 2026
www.belvedere.at