Für seine erste institutionelle Einzelausstellung „Clean Thoughts. Clean Images” generiert Simon Lehner Motive, die die Grenzen zwischen Popkultur, Kunstgeschichte und Autobiografie verwischen. FOTO ARSENAL WIEN zeigt die erste umfassende institutionelle Einzelausstellung von Simon Lehner (* 1996) in Österreich.
Lassen sich sichtbare und unsichtbare Machtverhältnisse in zeitgenössischen Bildwelten tatsächlich greifen? Wie können gesellschaftlich verankerte Rollenbilder und Identitäten aktuell sichtbar gemacht werden? Und wer profitiert aus politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Gründen davon? Wie wirken Männlichkeitsbilder auf uns, wie prägen sie kollektive Wahrnehmungsstrukturen und wie werden sie bewusst gelenkt und eingesetzt?
Ausgehend von einem selbst entwickelten, rund 45.000 Bilddateien umfassenden Archiv setzt sich der österreichische Künstler Simon Lehner in seinen Malereien, Installationen und Videoarbeiten mit diesen Machtstrukturen, toxischer Männlichkeit und deren Auswirkungen auf Gesellschaft und menschliche Psyche auseinander. Seit 2021 erweitert Lehner dieses persönliche fotografische Archiv um Elemente popkultureller Bildwelten aus dem Internet. Seine Motive und Figuren schwappen auf diese Weise in unser kollektives Bildgedächtnis über und reflektieren den Einfluss der Bilder auf die Gesellschaft. So entstehen „Echokammern“, die eine Parallele zu unseren fragmentierten Vorstellungs- und Erinnerungsvermögen und dem immer stärker werdenden kollektiven Datentrauma bilden.

Simon Lehner. „Clean Thoughts. Clean Images”, FOTO ARSENAL WIEN, 2025 © Michael Seirer Photography
Wie ein Puppenspieler kontrolliert Lehner dabei jedes Detail der neu entstandenen Szenen, die uns auch unsere fragmentierte Erinnerungs- und Vorstellungsfähigkeit vor Augen führen. Fehlende Bildinformationen stellen in den Arbeiten die Frage nach dem Wahrheitsgehalt unserer Erinnerungen. So werden Vorlagen beispielsweise unscharf, verpixelt oder als Störung im Bild sichtbar. Lehner spielt gleichsam mit unserer digitalen Welt, ergänzt und verändert sie oder strukturiert sie um und neu. So wie künstliche Intelligenz – die er bewusst nicht nutzt – Lücken durch Wahrscheinlichkeitsannahmen füllt, wird deutlich, wie wir unsere eigene Wahrnehmung durch Ideen und Vorstellungen (re-)konstruieren. Die verführerische Annahme, dass unsere Gedanken- und Bildwelten rein und unverfälscht sind, wird damit als Illusion entlarvt.
Auf dem Fundament seines Archivs benutzt Lehner die fotografisch-technischen Parameter der Bildentstehung als Grundlage und spielt sowohl mit analogen als auch digitalen Spuren: Negativränder, Markierungen oder Moiré-Effekte – das heißt Rasterfehler beim Scanprozess und Bilddruck– bleiben sichtbar. In einem weiteren Arbeitsschritt werden die Bilder in Holz-platten gefräst. Diese übertragenen Landschaften wachsen dreidimensional in den Raum oder überschreiten den Rand ihres Rahmens. Mit Hilfe eines Roboters löst sich der Maluntergrund komplett von der Zweidimensionalität der Fotografie: Sie werden in einem Malprozess physisch auf diese Reliefstruktur übertragen, wobei sich Maschine und Künstler während des Herstellungsprozesses abwechseln. Die Ausstellung erweitert Lehners kontinuierliche Auseinandersetzung mit Machtstrukturen, der Rolle von Bildern als Instrumente der Manipulation und ihrem Einfluss auf das Individuum. Hier zeigt sich eine Referenz auf die Geschichte der Malerei, in der im Auftrag von Herrscher*innen Bilder gefertigt wurden, um Ländereien und sozialen Status zu repräsentieren – sogenannte Peasant Paintings – bis hin zu heutigen Phänomenen staatlicher Drohnen-aufnahmen, die kilometerweit haarscharfe Details von Großstädten erfassen, um unseren Lebensraum als 3D-Modell abzubilden: Diesmal in Echtzeit als neue Form des Peasant Paintings. Die gezeigten Werke sind eigens für diese Ausstellung entstanden. Es erscheint eine Publikation bei Spector Books, Leipzig.
22. März bis 1. Juni 2025
www.fotoarsenalwien.at