Nach einer ausverkauften Saison 2025 starten die Tiroler Volksschauspiele mit einem markanten programmatischen Statement in den Sommer 2026. Im Zentrum steht die Uraufführung von Felix Mitterers Drama „Feuernacht“, begleitet von Live-Musik von Herbert Pixner – ein Werk, das die historischen Erschütterungen in Südtirol der 1960er-Jahre neu beleuchtet. Für den Künstlerischen Leiter Gregor Bloéb ist die Produktion ein bewusst gewählter Schritt an die neuralgischen Punkte regionaler Identität. „Wir treffen offenbar einen Nerv und zugleich mitten ins Herz… — das ist die Aufgabe des Theaters“, sagt er und verweist damit auf die gesellschaftliche Dimension der kommenden Saison.

Mitterers Stück knüpft an sein Erfolgsdrama „Verkaufte Heimat“ an, das 2019 in Telfs zu sehen war. Diesmal stehen jene Jahre im Fokus, in denen die sogenannte „Feuernacht“ Südtirol politisch und emotional erschütterte. Zwischen 11. und 12. Juni 1961 wurden über 30 Strommasten gesprengt, um internationale Aufmerksamkeit auf die Lage der deutschsprachigen Bevölkerung zu lenken. Bis heute wird über moralische und politische Verantwortung dieser Aktion gestritten. Mitterer erzählt die Ereignisse durch fiktive Biografien, die exemplarisch für ein Klima von Druck, Angst und Aufbruch stehen.

Romeo & Julia, 2025, Liliom Lewald © Victor Klein

Romeo & Julia, 2025, Liliom Lewald © Victor Klein

Gespielt wird open air in der Südtiroler Siedlung in Telfs, einem Ort, der selbst Teil der regionalen Migrationsgeschichte ist. Die fast vollständig abgerissene Siedlung wird zur atmosphärisch dichten Bühne – zu einem Schauplatz, an dem große Geschichte und persönliche Schicksale ineinandergreifen. Regisseur Thomas Gassner inszeniert Mitterers Text in einer Bühnenfassung von Peter Lorenz, während Pixner mit seiner Band jeden Abend live für musikalische Spannung sorgt. Bloéb betont, dass das Team bewusst den realen Raum nutzt: „Wir werden für Sie in der Südtirolersiedlung eine Bühne aus Schutt bauen. Es wird kein Wikipedia-Theater. Wir erzählen Geschichten von Menschen in Zeiten des Aufruhrs.“
Bleibende Resonanz erzielt Bloéb auch mit seiner Haltung zur künstlerischen Verantwortung. Seine Sicht auf Gegenwart und Krise ist deutlich: „Eine Epoche geht zu Ende, die neue hat ihre Ordnung noch nicht gefunden. Wir alle schauen zu, wie Karren gegen Wände fahren und Gewissheiten zu Zweifeln werden.“ Für ihn ist Theater ein Ort, an dem diese Unsicherheiten sichtbar und verhandelbar werden. Der Erfolg der vergangenen Jahre – vom aufsehenerregenden „Zerbrochnen Krug“ bis zur umjubelten „Romeo & Julia“-Produktion – bestätigt für Bloéb, dass das Publikum „verzaubert werden will und zugleich Wahrheit sucht“.

Eine kurze Geschichte der Tiroler Menschheit in acht Bildern und einem Gral, 2025 © Victor Klein

Eine kurze Geschichte der Tiroler Menschheit in acht Bildern und einem Gral, 2025 © Victor Klein

Erneut setzen die Volksschauspiele auch auf literarische Formate. Gemeinsam mit den Vereinigten Bühnen Bozen entsteht eine Neuauflage der Marathonlesung, diesmal unter dem Titel „Flucht ohne Ende“, mit Texten des unruhigen Grenzgängers Joseph Roth. Ein Nord- und Südtiroler Ensemble wird Wort für Wort durch jene Prosa führen, die Heimatlosigkeit, politische Brüche und existenzielle Suche beschreibt.
Die Tiroler Volksschauspiele präsentieren für 2026 ein Programm, das Vergangenheit nicht museal behandelt, sondern als Spiegel der Gegenwart nutzt. Oder wie Bloéb es formuliert: „Sich vor keinem Thema zu scheuen, gehört zur Aufgabe des Theaters.“ Genau hier setzt diese Saison an – mutig, wach und mit Blick auf jene Geschichten, die unter der Oberfläche weiterbrennen.
4. Juli bis 29. August 2026
www.volksschauspiele.at

Herbert Pixner, Gregor Bloéb, Florian Hirsch © Tiroler Volksschauspiele

Herbert Pixner, Gregor Bloéb, Florian Hirsch © Tiroler Volksschauspiele