Eine Künstlerin zwischen Selbstbestimmung, Ausgrenzung und Widerstand: Die Kunsthalle Graz widmet Ida Maly (1894–1941) einer Künstlerin, deren eindringliche Porträts bis heute von Menschlichkeit erzählen. Ihr Werk erinnert an ein außergewöhnliches künstlerisches Talent und an ein Leben, das durch die Verbrechen des Nationalsozialismus gewaltsam beendet wurde.
Ida Maly war eine Frau mit vielen Facetten: Malerin, Grafikerin, Schwimmerin und Springerin. In einer Zeit, in der Frauen nur begrenzte gesellschaftliche Freiheiten hatten, verfolgte sie konsequent ihren eigenen Weg. In Graz aufgewachsen, studierte sie an der Landeskunstschule und setzte ihre Ausbildung in Wien, München und Paris fort. Ihre künstlerische Handschrift entwickelte sich zu einer eigenständigen, vielschichtigen Bildsprache, in deren Zentrum stets der Mensch stand.
Mit feinem Strich schuf Maly Selbstbildnisse, Porträts und Aktstudien. Ihre Arbeiten zeichnen sich durch eine präzise, illustrative und zugleich psychologisch eindringliche Darstellung aus. Dabei ging es ihr um mehr als die äußere Erscheinung: Ihre Zeichnungen eröffnen Einblicke in menschliche Lebenswelten und individuelle Schicksale.

Ida Maly – Selbstportrait „Trübe Ahnungen”, 1928, Aquarell und Tinte auf Transparentpapier Privatbesitz
Doch Malys Streben nach künstlerischer Selbstständigkeit und persönlicher Freiheit stand im Konflikt mit den gesellschaftlichen Erwartungen ihrer Zeit. Nach der Geburt ihrer Tochter Elga im Jahr 1921 geriet sie als alleinerziehende Mutter zunehmend in eine existenzielle Notlage. 1923 musste sie ihre Tochter zur Adoption freigeben. Wenig später kehrte sie nach Graz zurück und erkrankte psychisch. Ab 1928 wurde sie wiederholt in psychiatrischen Einrichtungen behandelt.
Gerade in dieser schwierigen Lebensphase entstand ein besonders eindrucksvoller Teil ihres Werkes. In der Psychiatrie porträtierte Maly ihre Mitpatientinnen und Mitpatienten. Mit großer Aufmerksamkeit hielt sie deren individuelle Züge fest und gab Menschen, die gesellschaftlich ausgegrenzt wurden, in ihren Zeichnungen eine eigene Präsenz und Würde. Ihre Arbeiten lassen sich heute auch als stilles Zeugnis gegen Entmenschlichung und Ausgrenzung lesen.
Mit dem Nationalsozialismus verschärfte sich die Bedrohung für Maly. Als moderne Künstlerin und psychiatrische Patientin war sie gleich mehrfach von Verfolgung betroffen. 1941 wurde sie im Rahmen der nationalsozialistischen Krankenmorde in der Tötungsanstalt Hartheim bei Linz ermordet. Sie wurde nur 46 Jahre alt. Ihr Werk jedoch ist geblieben. Die Ausstellung in der Kunsthalle Graz rückt eine Künstlerin ins Bewusstsein, deren Arbeiten weit über ihre persönliche Biografie hinausweisen. Ida Malys Porträts erzählen von Verletzlichkeit, Individualität und Menschlichkeit – und davon, wie wichtig es ist, Menschen ihre Würde zu bewahren, gerade dann, wenn eine Gesellschaft sie ihnen abspricht.
21. November bis 4. Dezember 2026
https://kunsthallegraz.at

Ida Maly – Selbstportrait, 1917, Kreide und Kohle auf Papier, Sammlung Neue Galerie Graz / Universalmuseum Joanneum






