Die litauische Künstlerin Emilija Škarnulytė (*1987, Vilnius) erschafft Kunstwelten, die zugleich uralt und futuristisch wirken. In ihren Filmen und Installationen bewegt sie sich auf jener schmalen Linie zwischen Dokumentation und Imagination, zwischen geologischen Tiefen und kosmischen Fernen. Was sie interessiert, sind die unsichtbaren Strukturen, die unser Dasein prägen – seien es politische Systeme, ökologische Zusammenhänge oder die lange, langsame Zeit der Erde selbst. Ihre Arbeiten laden ein, die Welt mit anderen Augen zu betrachten, jenseits der menschlichen Perspektive.

Im Zentrum ihres Werks stehen mythische Gestalten, die als Brücken zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft fungieren. Immer wieder taucht die Figur der Sirenomelia auf – halb Mensch, halb Meerwesen, eine Variation der uralten Meerjungfrau. Verkörpert von der Künstlerin selbst, führt sie in eine Zwischenwelt, in der sich archaische Mythen und futuristische Visionen überlagern. Auch weibliche Gottheiten, die Naturkräfte und kosmische Energien verkörpern, bevölkern ihre Bildwelten. Diese Figuren verweisen auf alternative Narrative jenseits männlich dominierter Geschichtsschreibung und öffnen den Blick für andere Formen des Wissens und Erzählens.

Emilija Škarnulytė, Hypoxia, 2023, Videostill © Emilija Škarnulytė

Emilija Škarnulytė, Hypoxia, 2023, Videostill © Emilija Škarnulytė

Ihre neue Einzelausstellung im kuppelförmigen Space01 des Kunsthauses Graz macht dieses ästhetisch-mythologische Universum körperlich erfahrbar. Die immersive Installation aus großformatigen Videoprojektionen, Licht und Artefakten verwandelt den Raum in eine Art unterirdisches Observatorium, in dem Zeit und Maßstab verschwimmen. Die Besucherinnen und Besucher tauchen ein in Landschaften, die gleichzeitig von menschlicher Zerstörung gezeichnet und von überzeitlicher Schönheit getragen sind.
Škarnulytės künstlerische Praxis verweist auf die Fragilität unseres Planeten, doch sie verzichtet auf eindeutige Antworten oder belehrende Gesten. Stattdessen eröffnet sie Räume des Staunens – poetisch, vielschichtig, rätselhaft. Die gezeigten Bilder sind ebenso apokalyptisch wie hoffnungsvoll: Selbst in den entlegensten Winkeln jenseits menschlichen Einflusses glimmt die Vorstellung eines Lebens nach der Zerstörung.
So wird die Ausstellung zu einer Meditation über Unsichtbares und Übersehenes, über Mythos und Wissenschaft, über das, was war, und das, was noch kommen könnte. Ein Erfahrungsraum, der die Grenzen zwischen Mensch, Natur und Kosmos neu verhandelt – und zugleich spürbar macht, dass jede Zukunft aus den Geschichten entsteht, die wir uns zu erzählen wagen.
8. November 2025 bis 15. Februar 2026
www.museum-joanneum.at/kunsthaus-graz

Emilija Škarnulytė, Aphotic Zone, 2022, Videostill © Emilija Škarnulytė

Emilija Škarnulytė, Aphotic Zone, 2022, Videostill © Emilija Škarnulytė