Im Herbst 2025 eröffnet das Kunsthaus Graz eine Ausstellung, die sich den Fragilitäten unserer Gegenwart stellt: Unseen Futures to Come. Fall. Sie fragt nach der Unsicherheit, die unser heutiges Leben prägt – und macht deutlich, dass diese mehr ist als ein Gefühl. Umweltzerstörung, politische Instabilität, Kriege, Fluchtbewegungen und die gnadenlose Ausbeutung von Menschen und Ressourcen lassen alte Gewissheiten bröckeln. Was wir erleben, sind nicht nur Krisen, sondern tiefgreifende Umbrüche, die das Fundament unserer Zivilisation erschüttern.

Im Zentrum steht die Frage nach den unsichtbaren Mechanismen der Macht. Wer bestimmt, welche Leben geschützt, welche geopfert werden? Macht erscheint hier nicht als etwas Greifbares, sondern als Beziehungsgeflecht, das in politischen Strukturen, wirtschaftlichen Systemen und sozialen Praktiken wirkt – und das bestehende Ungleichheiten reproduziert. Gerade darin liegt die Ambivalenz: Während Macht Unsicherheit verstärkt, eröffnet Widerstand zugleich neue Perspektiven auf Veränderung.

Adelita Husni Bey, aus der Serie Briganti, Difesa (Verteidigung) (Image Theatre warm up), 2023, Courtesy der Künstlerin und Laveronica Gallery, Modica

Adelita Husni Bey, aus der Serie Briganti, Difesa (Verteidigung) (Image Theatre warm up), 2023, Courtesy der Künstlerin und Laveronica Gallery, Modica

Zwölf künstlerische Positionen setzen sich mit dieser Spannung auseinander. Bill Viola führt in kontemplative Bildwelten, die das Verhältnis von Leben und Tod in meditativer Langsamkeit erfahrbar machen. Dana Awartani entwickelt aus zerstörten Ornamenten poetische Formen des Widerstands. Die österreichische Künstlerinnengruppe zweintopf begegnet gesellschaftlichen Routinen mit subtilen Interventionen, die Gewohntes infrage stellen. Und die aus Australien stammende Yhonnie Scarce verbindet fragile Glasobjekte mit der Erinnerung an Kolonialgeschichte und Traumata – ihr Beitrag wird mit Unterstützung der Australischen Botschaft realisiert.
Ein Herzstück der Schau ist Fall. A Library of Twilight Worlds, die vom Philosophen Federico Campagna konzipierte Bibliothek. Rund 250 Bücher sind hier versammelt, die sich mit Übergängen, Unsicherheit und Neubeginn beschäftigen. Der Herbst wird dabei zur Metapher: eine Zeit, in der Gewissheiten verschwinden, Wissen sich auflöst, aber auch Raum entsteht für neue Denkweisen.
Unseen Futures to Come. Fall verwebt Gegensätze – Liebe und Tod, Chaos und Ruhe, Zerstörung und Erneuerung. Die Ausstellung verweigert einfache Antworten, sie lädt vielmehr dazu ein, das Paradoxon menschlicher Existenz auszuhalten und im Ungewissen eine Möglichkeit der Zukunft zu sehen. Denn auch im Herbst, inmitten von Verfall und Dämmerung, bleibt das Licht denkbar.
18. September 2025 bis 15. Februar 2026
www.museum-joanneum.at/kunsthaus-graz