Zwei Komponisten, die musikalische Traditionen auf ihre ganz eigene Weise erneuert haben: Philip Glass und Astor Piazzolla stehen im Zentrum eines Meisterkonzerts im Kurhaus Wiesbaden. Der Akkordeonist Martynas Levickis begegnet dabei dem Stuttgarter Kammerorchester.
Philip Glass zählt zu den bedeutendsten Vertretern der amerikanischen Minimal Music. Seine Kompositionen entwickeln sich häufig aus wiederkehrenden melodischen und rhythmischen Mustern, die sich allmählich verändern und dadurch eine eigentümliche musikalische Sogwirkung entfalten. Kleine Verschiebungen in Harmonik, Rhythmus und Instrumentierung können dabei große Veränderungen der Klangwirkung hervorrufen.
Astor Piazzolla wiederum revolutionierte den argentinischen Tango. Der in Mar del Plata geborene Komponist und Bandoneonspieler verband die traditionelle Tanzmusik seiner Heimat mit Einflüssen aus Jazz und klassischer Komposition. Seine Musik bewahrt die leidenschaftliche Intensität des Tangos, erweitert dessen Ausdrucksmöglichkeiten jedoch um komplexe Harmonien, ungewöhnliche Rhythmen und kammermusikalische Strukturen.
Mit Martynas Levickis übernimmt ein Künstler die Solopartie, der das Akkordeon seit Jahren auf internationalen Konzertbühnen neu positioniert. Der litauische Musiker begeistert mit technischer Virtuosität und einer stilistischen Offenheit, die vom Barock bis zur Gegenwart reicht. Sein Instrument besitzt eine bemerkenswerte Ausdrucksbreite: Es kann zarte, beinahe atmende Klangflächen erzeugen, ebenso aber rhythmisch kraftvolle und orchestrale Wirkungen entfalten.
Gerade in der Begegnung mit der Musik von Glass und Piazzolla zeigt sich diese Vielseitigkeit. Die repetitiven Strukturen des amerikanischen Komponisten eröffnen dem Akkordeon andere Gestaltungsmöglichkeiten als die leidenschaftlichen Melodien und markanten Rhythmen des argentinischen Tango Nuevo. Beide musikalischen Welten verlangen ein ausgeprägtes Gespür für Timing, Klangfarben und die Spannung zwischen Wiederholung und Veränderung.
Das Stuttgarter Kammerorchester gehört zu den traditionsreichen deutschen Kammerensembles und ist für seine stilistische Flexibilität bekannt. Im festlichen Friedrich-von-Thiersch-Saal des Wiesbadener Kurhauses begegnen sich damit zwei unterschiedliche musikalische Sprachen, deren Gemeinsamkeit in der kreativen Erneuerung überlieferter Formen liegt.
14. Februar 2027

