Die Ausstellung „HERBERT BOECKL – HANS JOSEPHSOHN. Archetypen des Figuralen” im Leopold Museum Wien bringt zwei Künstler in einen imaginären Dialog, die sich im Leben nie begegnet sind und doch auf bemerkenswerte Weise miteinander korrespondieren: der österreichische Maler Herbert Boeckl (1894–1966) und der Bildhauer Hans Josephsohn (1920–2012). Beide Positionen eint eine konsequente Hinwendung zur menschlichen Figur – und ein beharrliches Festhalten am Gegenständlichen in einer Zeit zunehmender Abstraktion.
Dabei geht es nicht um eine erneute Auflage der kunsthistorischen Paragone-Debatte zwischen Malerei und Skulptur, sondern um eine tiefere, werkimmanente Verwandtschaft. Boeckl und Josephsohn entwickeln jeweils eine radikal verdichtete Bildsprache, die das Figürliche nicht auflöst, sondern auf seine elementaren Grundlagen zurückführt. Der Mensch erscheint bei beiden nicht als individuelles Porträt, sondern als archetypische Form – reduziert, konzentriert, fast zeitlos.
Gerade diese Reduktion erzeugt eine besondere Spannung. Die Figuren wirken entindividualisiert und zugleich intensiv präsent. Sie entziehen sich dem Erzählerischen und öffnen sich einem universellen Verständnis des Menschlichen. Boeckls Malerei und Josephsohns Skulpturen begegnen sich dabei in einer gemeinsamen Haltung: dem Versuch, das Wesentliche nicht durch Ausarbeitung von Details, sondern durch Verdichtung, Vereinfachung und materielle Präsenz sichtbar zu machen.

HANS JOSEPHSOHN, Ohne Titel, 1969 © Kesselhaus Josephsohn, St. Gallen | Foto: Kesselhaus Josephsohn, St. Gallen © Josephsohn Estate
Ein zentrales verbindendes Element ist der Umgang mit Materialität. Boeckl arbeitet mit dichten, fast reliefartigen Farbschichten, in denen der malerische Prozess körperlich spürbar bleibt. Farbe wird bei ihm nicht nur Medium der Darstellung, sondern selbst Träger von Volumen und Energie. Josephsohn wiederum formt seine Figuren aus Gips, dessen plastische Bearbeitung Spuren des Prozesses sichtbar lässt. Die Hände bleiben im Material eingeschrieben – jede Oberfläche wird zum Zeugnis eines physischen Ringens mit der Form.
Diese Prozesshaftigkeit verbindet beide Künstler auf fundamentaler Ebene. Bei Boeckl bleiben Pinselduktus, Schichtungen und Überarbeitungen sichtbar, bei Josephsohn die Spuren des Modellierens, des Abtragens und Hinzufügens. In beiden Fällen wird der Entstehungsprozess nicht verborgen, sondern zum integralen Bestandteil der Werkwirkung. Das Bild oder die Skulptur ist nicht abgeschlossenes Objekt, sondern verdichteter Zustand eines fortwährenden Werdens.
Trotz ihrer historischen Verortung im 20. Jahrhundert entziehen sich beide Positionen bewusst modischen Strömungen. Weder Boeckl noch Josephsohn folgen dem Weg in die Abstraktion oder konzeptuelle Entkörperlichung der Kunst. Stattdessen behaupten sie die Figur als Ort existenzieller Verdichtung. Ihre Werke wirken dadurch zugleich archaisch und zeitlos, als seien sie jenseits konkreter historischer Zuschreibungen angesiedelt.
Besonders deutlich wird dies in Josephsohns stelenhaften Figuren, Köpfen und Halbfiguren, die wie stille Monolithe im Raum stehen, sowie in Boeckls monumentalen Figurenbildern und Landschaften, die eine ähnliche Schwere und Dauerhaftigkeit entfalten. Beide Künstler interessieren sich weniger für das Abbild als für das Dasein selbst – für Körper als Träger von Präsenz, Material als Speicher von Zeit.
So eröffnet die Gegenüberstellung im Leopold Museum einen vielschichtigen Resonanzraum zwischen Malerei und Skulptur, zwischen Fläche und Volumen, zwischen Geste und Form. Im Zentrum steht dabei nicht die Differenz der Medien, sondern ihre gemeinsame Fähigkeit, Existenz zu verdichten.
„Archetypen des Figuralen“ wird so zu einer Ausstellung über das Menschliche selbst – über Körper als Erinnerungsräume, über Material als Ausdruck existenzieller Erfahrung und über die Kunst als Ort, an dem das Allgemeine im Konkreten sichtbar wird.
24. Juli 2026 bis 10. Jänner 2027
www.leopoldmuseum.org

HERBERT BOECKL, Akt vor gelber Kiste, 1925 © Privatbesitz | Foto: Leopold Museum, Wien © Herbert Boeckl-Nachlass, Wien






