Es gibt Orte, die mehr sind als geografische Koordinaten. Orte, die eine eigene Atmosphäre besitzen, ein eigenes Tempo, vielleicht sogar eine eigene Zeitrechnung. Erl, dieses kleine Dorf im Tiroler Unterland, gehört dazu. Zwischen schroffen Bergen, winterlichen Nebelfeldern und stillen Wiesen erhebt sich ein Festspielhaus, das längst zu einem kulturellen Kraftzentrum geworden ist. Wer einmal hier war, versteht schnell, warum Intendant Jonas Kaufmann von Erl als einem „Sehnsuchtsort“ spricht.
Sehnsucht ist überhaupt das große Leitmotiv der Saison 2026/27 der Tiroler Festspiele Erl. Sie zieht sich wie ein feiner emotionaler Faden durch Opern, Konzerte und musikalische Experimente. Die Sehnsucht nach Liebe, nach Erlösung, nach Freiheit, nach jenem „fernen Klang“, den Kunst manchmal für einen flüchtigen Moment greifbar macht. Vielleicht ist es genau diese Mischung aus Intensität und Unerreichbarkeit, die Erl so besonders macht. Denn hier treffen Gegensätze aufeinander, die sich überraschend selbstverständlich verbinden: große internationale Opernkunst und alpine Landschaft, Tradition und Experiment, konzentrierte Stille und emotionale Überwältigung. Kaufmann beschreibt Erl als einen Ort, an dem scheinbar widersprüchliche Dinge zusammenfinden – und genau darin liegt die Magie dieser Festspiele.

Jonas Kaufmann, Foto Xiomara Bender
Ausklang
Bereits im Oktober eröffnet das Festival „Ausklang“ die Saison. Kuratiert von Andreas Schett, dem kreativen Kopf der Musicbanda Franui, versteht sich das Format als musikalisches „Über-den-Tellerrand-Schauen“. Klassik begegnet Jazz, Volksmusik trifft auf Elektronik, Bach kann unmittelbar neben Improvisation stehen. Was andernorts wie ein Stilbruch wirken würde, erscheint in Erl wie eine natürliche Bewegung des Hörens.
Schett nennt dieses Prinzip „open source“. Nicht Genres oder Epochen stehen im Vordergrund, sondern künstlerische Persönlichkeiten und ihre Verbindungen. Gerade die Übergänge machen den Reiz aus: wenn Lautenklänge plötzlich in Ligeti übergehen oder ein Volkslied in einen improvisierten Jazzraum kippt. Musik wird hier nicht abgearbeitet, sondern erlebt – offen, neugierig und überraschend gegenwärtig.
Auch 2026 versammelt Ausklang dafür außergewöhnliche Künstlerinnen und Künstler unterschiedlichster musikalischer Welten. Mit dabei sind die Sopranistin Anna Prohaska, der Komponist und Musiker Malakoff Kowalski, das finnische Mundharmonika-Quartett Sväng sowie Maxi Pongratz, ehemals Mitglied von Kofelgschroa, mit neuem Trio. Das junge Berliner Leonkoro Quartett trifft auf den Vorarlberger Jazzpianisten David Helbock und sein Projekt Random/Control, in dem Sängerin, Alphorn, Holzbläser und freie Improvisation zu einem ungewöhnlichen Klangkosmos verschmelzen.
Auch die Strottern bringen gemeinsam mit der JazzWerkstatt Wien ihr neues Projekt „Sieben Zwetschken“ nach Erl. Die preisgekrönte Formation Shake Stew rund um Lukas Kranzelbinder wiederum präsentiert sich als volksmusikalisch inspiriertes Septett mit zwei Bässen, zwei Schlagwerken sowie Trompete und Saxophonen. Über allem bleibt die Musicbanda Franui als musikalischer Gastgeber präsent – und damit jene unverwechselbare Handschrift, die Ausklang längst zu einem der spannendsten Festivalformate des österreichischen Kulturherbstes gemacht hat.
1. bis 3. Oktober 2026

Musicbanda Franui © Raffaela Proell
Winter der großen Stimmen: Belcanto, Verdi und musikalische Sehnsuchtsräume in Erl
Im Winter verschiebt sich der Fokus dann auf den Belcanto. Die italienische Oper bildet seit Jahren das Herz der Wintersaison, und 2026 steht alles im Zeichen Giuseppe Verdis. Mit „Nabucco“ kehrt jenes Werk zurück, das Verdis internationaler Durchbruch wurde und zugleich zum musikalischen Symbol des italienischen Freiheitsgedankens avancierte.
Auch die weiteren Produktionen erzählen von großen Gefühlen und gesellschaftlichen Spannungen. Donizettis „Anna Bolena“ bringt die dramatische Fallhöhe höfischer Macht auf die Bühne, während Verdis „La traviata“ die Geschichte einer Frau erzählt, deren Freiheit an den moralischen Grenzen ihrer Zeit zerbricht. Regisseurin Mariame Clément liest die Oper dabei nicht bloß als Liebestragödie, sondern als präzise Studie gesellschaftlicher Zwänge.
Besondere Glanzpunkte setzen die festlichen Konzerte rund um den Jahreswechsel. Beim Silvesterkonzert verabschiedet die gefeierte italienische Sopranistin Maria Agresta gemeinsam mit dem Verdi-Spezialisten Riccardo Frizza das Jahr 2026 mit einer großen Operngala voller italienischer Leidenschaft. Das Neujahrskonzert am 1. Jänner 2027 bringt unter der Leitung von Beomseok Yi schwungvolle musikalische Eleganz ins neue Jahr, während der vielfach ausgezeichnete Geiger Giuseppe Gibboni als Solist auftritt.
Ein bewusst gesetztes musikalisches Zeichen bildet schließlich auch das traditionelle Dreikönigskonzert am 6. Jänner. Mit Tschaikowskis „Pathétique“ und Beethovens fünftem Klavierkonzert zeigt das Orchester der Tiroler Festspiele Erl seine sinfonische Kraft und setzt einen eindrucksvollen Schlusspunkt der Wintersaison.

Maria Agresta © Elisa Rinaldi
Doch Erl denkt Oper nie elitär. Familienkonzerte, experimentelle Formate und musikalische Grenzgänge gehören selbstverständlich zum Programm. Gerade diese Offenheit macht die Tiroler Festspiele so zeitgemäß. Sie schaffen Räume, in denen Hochkultur nicht distanziert wirkt, sondern unmittelbar erfahrbar wird.
Vielleicht liegt darin die eigentliche Sehnsucht unserer Gegenwart: nach Orten, an denen Kunst nicht bloß konsumiert, sondern gemeinsam erlebt wird. Erl scheint genau ein solcher Ort geworden zu sein. Ein Festspielort, der seine Kraft nicht aus Größe oder Glamour bezieht, sondern aus Atmosphäre, Hingabe und der selten gewordenen Fähigkeit, Menschen wirklich zu berühren.
6. Dezember 2026 bis 6. Jänner 2027
www.tiroler-festspiele.at

Anastasia Bartoli © Ennevi Foto






